CANIS BEATUS - Der glückliche Hund
CANIS BEATUS -Der glückliche Hund

Hunde und Stress

Stress und Neurophysiologie bei Hunden

 

Einführung

Immer noch wird oftmals versucht, ungewollte Verhaltensweisen von Hunden durch reine sogenannte „Symptomtherapie“ unter Verwendung der klassischen Lerntheorie zu verändern. Die Lerntheorie ist wichtig und Wissen darüber im Umgang mit Hunden unumgänglich. Möchte man jedoch als problematisch angesehenes Verhalten von Hunden dauerhaft modifizieren, ist es wichtig, alle Gegebenheiten des den Hund umgebenden Umfeldes mit einzubeziehen und mögliche Zusammenhänge herzustellen. Gerade bei übersteigertem Stress- und Angstverhalten reicht eine Symptomtherapie in der Regel nicht aus, um dem Hund zu helfen – hier muss unbedingt auch Ursachenforschung betrieben und der Grund bzw. Auslöser für das Verhalten gefunden werden um den Grund entweder zu eliminieren, oder das Training speziell auf ihn unter Berücksichtigung des Charakters des Hundes, des Umfeldes und seiner Beziehung zum Halter abzustimmen. Das Vorhandensein von Grundkenntnissen der Neuropsychologie des Hundes ist bei solchen Einschätzungen von großem Vorteil, denn das Nervensystem bestimmt das Verhalten. In Grundzügen wird auch dies hier behandelt.

 

Was ist Stress ?

Stress entsteht, wenn an den Hund die Anforderung gestellt wird, sich zu verändern, oder anzupassen.

Stress ist sinnvoll und wichtig.

Der Begriff „Stress“ ist im Allgemeinen sehr negativ belegt. Dabei handelt es sich bei diesem „Mechanismus“ um ein notwendiges und sinnvolles Anpassungsverhalten des Körpers auf Veränderungen seiner Umwelt. „Stress“ ist also keine Krankheit und auch grundsätzlich nicht schädlich oder gefährlich, sondern ist eigentlich dazu da, den Organismus nach einem Reiz, der oft aber nicht zwangsläufig von außen kommt psychisch und physisch für Schieflage sorgt, wieder zu stabilisieren und das angestrebte Gleichgewicht wieder herzustellen.

 

Stress passt an.

Stress sorgt also dafür, dass der Organismus optimal an alle möglichen Situationen angepasst wird. Wie aber hat man sich das vorzustellen? Die Reize, die von außen auf den Hund einwirken, werden vom Gehirn ausgewertet, bewertet, und im Körper wird eine Reaktion ausgelöst, die dann das Verhalten beeinflusst und gewisse Verhaltensweisen erst möglich macht. Es wird ein emotionaler Zustand (Gefühl) erzeugt, der für die gezeigte Reaktion verantwortlich ist und der Körper wird z.B. durch leistungssteigernde Maßnahmen darauf vorbereitet, diese Reaktion auch erbringen zu können. Auch in ganz banalen Situationen wird das Stresssystem aktiviert. Sei es beim Kennenlernen neuer Hunde, bei Begrüßungen, usw. – das Stresssystem mischt besonders in neuen, unbekannten Situationen immer mit und ein stressauslösender Reiz muss nicht zwangsläufig aversiv sein.

Stress kann auch durch bloße Gedanken an etwas ausgelöst werden – auch dann ist eine Stressreaktion oft spürbar. Denken wir z.B. an den morgigen Zahnarzttermin, ist unter Umständen zu spüren, wie sich der Herzschlag erhöht, die Atmung beschleunigt, usw. Der Umstand, dass Stress durch Gedanken ausgelöst werden kann, zeigt schon, welche Gefahren dieser Mechanismus birgt. Dient er im Normalfall dazu, den Körper an den richtigen Stellen leistungsfähiger zu machen und Kraftreserven zu mobilisieren, kann er auch dann den Körper in Alarmbereitschaft versetzen, wenn das Gehirn dies durch Gedankengänge veranlasst – auch wenn es gerade gar nicht notwendig ist. Hunde sind in unserer hektischen und technisierten Gesellschaft vielen Reizen ausgesetzt, die das Potential haben, mehr oder weniger heftige Stressreaktionen auszulösen. In einer natürlichen Umgebung wären diese Reaktionen hilfreich und würden zum Ziel führen, was in urbaner Umgebung oft nicht gegeben ist. Probleme mit einem überlasteten oder überreagierenden Stresssystem sind also nicht verwunderlich und sehr wohl erklärbar, denn in einer städtischen Umgebung mit hoher Populationsdichte von Menschen und anderen Hunden häufen sich den Hund stressende Situationen und die Stressreaktion bringt dem Hund unter Umständen nicht den gewünschten Erfolg. Wird ein Hund aber (auch schon als Welpe) kleineren Stresssituationen ausgesetzt, die er ERFOLGREICH bewerkstelligen kann, wird er auch zukünftige Probleme leichter und konstruktiver lösen können.

Die eigentliche biologische Funktion des Stresses ist die temporäre Anpassung des Körpers an akute Gegebenheiten – oft über das Mobilisieren von Kraftreserven. So ist es möglich, dass ein Mensch ein Auto anheben kann, wenn er gesehen hat, wie ein anderer Mensch überrollt wurde, der nun unter dem Auto liegt.

Das Stresssystem hat vor allem Einfluss auf die Beziehung zwischen Emotionen und logischem Denken. Solange sich ein Organismus im „Gleichgewicht“ mit seiner Umwelt befindet, ist er „ruhig“ und das logische Denken hat Vorrang. Passiert aber nun etwas Unvorhergesehenes, ist dieses Gleichgewicht gestört und das Stresssystem sorgt dafür, dass Gefühle und Emotionen die Oberhand gewinnen, denn sie können viel schneller auf den veränderten Zustand reagieren. Die langsam ablaufenden kognitiven Funktionen werden kurzzeitig ausgeblendet. Eine unvorhergesehene Situation kann ein Angriff, oder auch von der Wiedersehensfreude eines geliebten Individuums geprägt sein, das man schon lange nicht mehr gesehen hat. Sobald die Situation sich beruhigt, wird wieder auf „logisches Denken“ umgeschaltet und die emotionalen Reaktionen lassen nach.

Solche gleichgewichtsverschiebende Reize gibt es selbst auf einem kurzen Spaziergang zu Hauf. Dort treffen Hunde auf die Markierungen von Freunden, Feinden, läufigen Hündinnen, es tauchen evtl. flüchtende Beutetiere auf, man trifft andere Hunde oder auch auf merkwürdig gekleidete, oder sich komisch bewegende Personen. All dies sollte man im Kopf haben, wenn man mit einem Hund unterwegs ist, der problematisches Verhalten im Stressbereich zeigt.

Das Gefühl einer besonderen stressgeladenen Situation kennt jeder, nämlich das der Angstreaktion. Die Brust scheint sich zuzuschnüren, man ist wie gelähmt und das Herz schlägt bis unter das Kinn. Dies ist eine Stressreaktion des autonomen Nervensystems.

Der ganze Körper einschließlich des Gehirns ist befindet sich nun in erhöhter Alarmbereitschaft. In den Nebennierenrinden wird die Bildung von Stresshormonen angeregt, die in den Blutkreislauf gelangen und dafür sorgen, dass das Herz schneller schlägt, die Lungen effizienter arbeiten, die Fettdepots Fett abgeben und die Leber Zuckerreserven freisetzt. Auch wird Blut aus dem Bauchbereich und der Hautoberfläche in die Muskeln umverteilt. Dies sorgt für eine möglicherweise benötigte erhöhte Körperkraft.

Das Gehirn läuft nun auf Hochtouren und ist in vielerlei Hinsicht blockiert. Ruhige und logische Gedanken sind nicht mehr möglich.

 

„Positiver“ und „negativer“ Stress (Eustress und Disstress)

Diese beiden Begriffe beschreiben, wie im Körper des Hundes stattfindende Stressreaktionen von ihm empfunden werden. Steht ein Hund unter starker (positiver) Anspannung, z.B. wenn er sich in einer Erwartungshaltung befindet, etwas machen zu dürfen, was ihm Spass macht, steht er durchaus unter Stress – aber unter positivem. Auch Stresssituationen, die vom Organismus gut bewältigt werden können, fallen unter die Definition „positiver Stress“, auch „Eustress“ genannt.

Dagegen nennt man Stress, mit dem das Stresssystem des Hundes überfordet ist, negativen Stress, oder Disstress. Dieser wird als sehr belastend empfunden. Hunde, die unter Disstress stehen, haben keine genügenden biologischen Reserven mehr, um die körperliche Belastung der Stressreaktion auszugleichen. Die Stressysteme des Körpers ziehen dann Ressourcen, die eigentlich an anderer Stelle benötigt werden, um den Organismus planmäßig funktionieren zu lassen ab, was eine mehr oder weniger starke gesundheitliche Beeinträchtigung zur Folge hat. Die Ausschüttung der Botenstoffe, die eine Stressreaktion beinhaltet findet so lange statt, dass bestimmte von ihnen aufgebraucht sind und der Körper mit der Produktion nicht mehr nachkommt. Die klassischen Symptome für Disstress sind: Andauernder Erschöpfungszustand, gestörter Schlafrhythmus, Schmerzüberempfindlichkeit, gestörte rationale Aktivität, mangelnde Fähigkeit, Belohnung oder Freude zu empfinden.

Positiver wie negativer Stress können in zu hohen Intensitäten Körper und Geist krank machen, wobei positiver Stress nicht so belastend wirkt wie negativer und insbesondere aversive Reize können das Stresssystem überfordern und starke negative Auswirkungen auf den Hundeorganismus haben.

In vielen Fällen ist es möglich, negativen Stress in positiven oder wenigstens in neutralen zu verwandeln, indem man die Empfindungen des Hundes für die entsprechende Situation beeinflusst. Dies kann z.B. über positive Verstärkung oder Gewöhnung bewerkstelligt werden. (Dazu später mehr).

 

Individuelle Wahrnehmung von Stress und unterschiedliche Reaktionsweisen

Stressreaktionen können in den unterschiedlichsten Intensitäten ablaufen. Dies wird einerseits davon bestimmt, ob das einzelne Individuum überhaupt auf eine Situation mit Stress reagiert – der eine Hund reagiert, wogegen ein anderer evtl. völlig entspannt bleibt – und andererseits davon, wie stark der Stressreiz empfunden wird.

Was ein Hund als stressig empfindet, worauf sein Stresssystem also stark reagiert, ist einerseits genetisch bedingt und andererseits auch von Lernerfahrungen abhängig. Über die Genetik gibt es natürlich auch rassetypische Unterschiede – einige Rassen sind eher ruhig und ausgeglichen, wogegen andere eher temperamentvoll, leicht gestresst und schwieriger zu kontrollieren sind. Die relevanten Lernerfahrungen werden vor allem in jungem Alter gemacht. Die Häufigkeit, Art und Intensität von im Welpen- und Junghundalter durchlebtem Stress hat besonders großen Einfluss auf das Reagieren des Stresssystems im Erwachsenenalter – besonderes Augenmerk sei hier auf traumatische Erlebnisse gelegt. Die Reaktion unterschiedlicher Organismen auf Disstress wird vornehmlich durch ererbte Merkmale des limbischen Systems und des vegetativen Nervensystems bestimmt.

Die Chemischen Abläufe im Gehirn werden auch von der Versorgung mit Nährstoffen und deren Verwertung beeinflusst. So kann es sein, dass bei Unterversorgung verschiedener Nährstoffe bestimmte andere für das Stresssystem wichtige Stoffe nicht gebildet werden können, oder diese nicht gebildet werden, weil ein körperlicher „Defekt“ vorliegt. All dies kann das Reagieren in Stresssituationen aber auch den hormonellen Grundzustand und somit die Persönlichkeit beeinflussen, also ob ein Hund eher ruhig, oder unruhig, verspielt oder träge, selbstbewußt oder unsicher ist.

Am Beispiel der „Schussfestigkeit“ lässt sich gut erkennen, wie unterschiedlich Hunde auf diverse Reize reagieren können. Der eine reagiert von Natur aus kaum oder gar nicht, während ein anderer heftig erschrickt und sein Nervensystem extrem belastet ist. Auch bei Hundebegegnungen sieht man häufig solche Unterschiede: Der eine ist extrem vorsichtig und skeptisch, ein anderer ist z.B. gut sozialisiert und begegnet Artgenossen viel gelassener.

Auch die Reaktionsweisen auf den gleichen Reiz können bei verschiedenen Hunden sehr unterschiedlich ausfallen. So gibt es Hunde, die einer potentiell nicht entspannten Begegnung mit einem anderen Hund aus dem Weg gehen, so wie solche, die ein derartiges Problem eher konstruktiv in der Interaktion mit dem anderen Hund lösen. Man nennt diese unterschiedlichen Arten, Stress zu begegnen passive und aktive Bewältigung. Passive und aktive Bewältigung werden von verschiedenen Teilen des vegetativen Nervensystems gesteuert. Wie hier reagiert wird, ist angeboren als auch von Erfahrungen und dem Alter abhängig. Es werden zunächst gewisse Vorgehensweisen von Geburt an präferiert, aber wieder verworfen, wenn sie nicht zum Erfolg führen. Dinge, die dazu dienen, den aufkommenden Stress wieder abklingen zu lassen, werden zukünftig häufiger ausprobiert. Auch wenn ein Hund häufiger passiv reagiert, so stehen ihm auch die aktiven Reaktionsweisen zur Verfügung und er kann bei Bedarf darauf zurückgreifen. Die Wahl ist jeweils von der Situation abhängig. Wichtig ist, dass der Hund ÜBERHAUPT Verhalten findet, was sein Problem löst. Findet er dies nicht, erhöht sich der Stress von erfolglosem Versuch zu erfolglosem Versuch. Dies hat auch auf zukünftiges Stressverhalten negativen Einfluss. Gut wäre es, den Hund öfter mal Stresssituationen auszusetzen, die er gut meistern kann – so wird er generell unanfälliger gegen Stress und konstruktiver im Problemlösungsverhalten.

 

Aktive Bewältigung

Schaut man sich z.B. an, wie auf eine bedrohliche Konfrontation mit einem anderen Hund über aktive Stressbewältigung reagiert werden kann, erkennt man zunächst zwei mögliche Muster: Kampf oder Flucht. Für beide Verhaltensweisen müssen Energiereserven mobilisiert werden. Das vegetative Nervensystem reagiert mit dem Sympathikus, der für eine hohe Adrenalinausschüttung sorgt. In diesem Moment ist wenig Cortisol im Spiel. Hat sich der Organismus eines Hundes für eine aktive Bewältigung entschieden, bereitet er den Körper und den Geist auf Flucht oder Kampf vor, beides ist dann möglich. Sicher ist aber, dass der Hund selber aktiv eine für ihn sinnvoll erscheinende Lösungsmöglichkeit wählen, also aktiv etwas unternehmen wird. Hunde, die zu dieser Form neigen gehören fast immer dem Typ A an (was das heißt, wird später noch erklärt).

 

Passive Bewältigung

Entscheidet sich der Organismus eines Hundes in der gleichen Situation für eine Form der passiven Bewältigung, ist der parasympathische Teil des vegetativen Nervensystems aktiviert, es wird also vornehmlich Cortisol freigesetzt. Nun kommt es kaum zu aggressivem Verhalten bei unserem Beispielhund – er will möglichst kein Risiko eingehen. Er sieht keine Möglichkeit die Situation aktiv zu kontrollieren und handelt daher passiv. Die häufigste Form der passiven Reaktion in solchen bedrohlichen Begegnungssituationen ist die Unterwerfung. Hunde, die häufig so reagieren gehören eher zum Typ B.

 

 

Typ A und Typ B

Es macht Sinn die Persönlichkeitstypen von Individuen wenigstens grob einzuteilen. Klassischerweise teilt man in Typ A und Typ B ein, wobei der A-Typ eher extrovertiert ist, einen generell höheren Adrenalinspiegel aufweist, gerne kontrolliert und in unkontrollierbaren Situationen eher gestresst ist, aber auch eine sehr hohe Arbeitsbereitschaft anbietet. Der B-Typ ist eher ruhig und geduldig. Er arbeitet langsamer und methodisch und ist introvertierter, zurückhaltender.

Welchem Typ ein Hund angehört, ist einerseits genetisch begründet, wird aber auch durch Lernerfahrungen beeinflusst. Die Relevanz der genetischen Disposition lässt schon erahnen, dass es innerhalb bestimmter Rassen Häufungen bestimmter Persönlichkeitstypen gibt. In den Hütehundrassen findet man eher Hunde vom Typ A, wobei die Hunde größerer und schwererer Rassen öfter Typ B- Persönlichkeiten gibt. Natürlich gilt auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel.

 

Das Stresssystem hat seine „Tücken“.

Nicht immer führt die vom Stressmechanismus ausgelöste Körperreaktion zum gewünschten Erfolg, nämlich dann nicht, wenn z.B. die mobilisierten Kraftreserven nicht ausreichen, das Stresssystem überladen ist, also die Stress-Situationen zu schnell aufeinander folgen, ohne dass die extrem wichtige Regenerationszeit gegeben ist, ein Reiz besonders extrem war oder als besonders extrem empfunden wurde.

Grundsätzlich arbeitet der Stressmechanismus autonom und kann während er arbeitet nicht beeinflusst oder kontrolliert werden. Das Gehirn fährt dann alle Funktionen herunter, die es als unwichtig empfindet, oder schaltet sie sogar aus, was zeigt, dass es in Situationen, in denen extreme Stressreaktionen stattfinden nicht oder nur noch sehr schwer möglich ist, das entsprechende Individuum zu erreichen. Alle frei verfügbaren Ressourcen des Gehirns richten sich nur darauf aus, den Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen und es bleibt kein Raum mehr für andere Gedanken oder gar lerntechnische Maßnahmen, die von außerhalb kommen.

 

Wann wird Stress schädlich?

Hunde können eine gehörige Portion Stress ertragen, ohne einen Schaden davonzutragen. Ihr Körper ist für Stress-Sequenzen bestimmter Zeit ausgelegt und kann den erhöhten Bedarf auf allen Ebenen leisten. Dies kann aber nur dann ohne Schäden von statten gehen, wenn eine Stressreaktion Erfolg eingebracht hat, und nach einer Stressphase auch Erholung folgt. Das Stresssystem, bestehend aus Körper und Geist braucht Ruhepausen, um nicht zu überlasten und sich wieder „aufzuladen“. Diese Wiederherstellung kann unter Umständen Tage dauern, in denen dann möglichst keine starken Stressreaktionen auftreten sollten. Kann diese „Aufladung“ und Wiederherstellung nicht stattfinden, kommt es zu einer Art „Verschleiß“ in Körper und Geist, was sich in überzogenen emotionalen Zuständen und körperlicher Schädigung / organischer Beeinträchtigung äußern kann.

Unser gesellschaftliches Leben bringt auch für unsere Hunde immer mehr stressbeladene Situationen mit sich und auffällige Reaktionen aufgrund überstrapazierter Stresssysteme häufen sich. Dies liegt oft daran, dass keine oder zu kurze Ruhepausen vorhanden sind, und der Stressmechanismus sich nicht regenerieren kann. Ist ein Hund immer wieder in zu kurzen Abständen gar nicht unbedingt starken aber doch leicht stressenden Reizen ausgesetzt, ist also nicht genügend Regenerationszeit zwischengeschaltet, können durchaus chronische Stresssymptome auftreten, die eine ebenso chronische Stressreaktion anzeigen – der Hund befindet sich dann im Disstressbereich.

Solche Reize können z.B. sein:

-Eingeschränkter Lebensraum mit mehreren Hunden

-Wiederholtes Erschrecken

-Häufige nicht geeignete hektische Spiele.

-(Unbeabsichtigtes) Übertragen gewisser Funktionen innerhalb der sozialen Gruppe auf den Hund, denen er nicht gewachsen ist. (Symptom: Kontrollierendes Verhalten – mindestens draußen, manchmal aber sogar in der Wohnung).

-Mangelhafte Führung

-Fehlende Tagesstruktur

-U.s.w.

Aber auch zu wenig geistige Auslastung und zu wenig Bewegung können dauerhaften, schädlichen Stress auslösen. Auch bei Hunden ist die Nacht die ideale Erhohlungszeit. Sie müssen zur Ruhe kommen, und ungestört schlafen können, um sich körperlich, geistig und nicht zuletzt hormonell zu regenerieren.

Genauso schädlich wie zu schnell aufeinanderfolgende stressende Reize ist es, wenn die Stresssituation zu lange andauert und der Körper mit der entsprechenden Stressreaktion keinen Erfolg hat. Bei einer Analyse von Stressfaktoren im Rahmen einer Therapie ist es also nicht nur wichtig, herauszufinden, WAS die Stressfaktoren sind, sondern auch WIE LANGE die Stressreize auf den Hund einwirken.

Wie später noch genauer beschrieben wird, kommt es bei Stressreaktionen auch zu Cortisolausschüttungen. Wird dieses Stresshormon in Verbindung mit zu kurzen Erholungsphasen immer wieder ausgeschüttet, hat also keine Zeit sich abzubauen und reichert sich damit im Blut an, wird das Immunsystem geschwächt und die Krankheitsanfälligkeit verstärkt. Andauernder Stress kann die Cortisolkonzentration im Blut auf ein vierfaches der normalen Konzentration anheben.

 

Stressfaktoren

Ein Stressfaktor ist das, was die Stressreaktion auslöst.

 

-Pränataler Stress:

Mit pränatalem Stress wird die Stresshormon-Anreicherung des Blutes von noch ungeborenen Welpen im Mutterleib bezeichnet. So etwas geschieht, wenn die tragende Mutter starkem Stress oder einem traumatischen Erlebnis ausgesetzt ist, Stresshormone ausschüttet und diese über die Blutbahn, die ja mit der des Ungeborenen verbunden ist, den Welpen belasten. Solche Welpen neigen während des Heranwachsens eher zu Stressreaktionen.

Man kann sich diesen Effekt aber zu Nutze machen, denn umgekehrt funktioniert er auch. Sorgt man bei einer trächtigen Hündin für Entspannung und Ruhe, massiert und streichelt sie viel – wenn sie das mag, übertragen sich die dadurch ausgeschütteten beruhigenden Hormone auch auf den ungeborenen Welpen. Dies kann sogar den Sozialisierungsvorgang positiv beeinflussen.

 

-Handling - frühe Erlebnisse beeinflussen die „Arbeitsweise“ des Stresssystems beim erwachsenen Hund:

In den frühen Phasen seines Lebens ist ein Welpe sehr aufnahmefähig. Das zu bestimmten Zeiten gelernte hat prägenden Charakter, setzt sich also besonders hartnäckig im Gehirn fest. Auch in Bezug auf das Stresssystem gilt diese Aussage. Dies kann man sich zu Nutze machen, indem man den Welpen schon sehr früh einem sogenannten „Handling“ unterzieht. Dies sollte daraus bestehen, dass man ihn ab und zu hochnimmt, streichelt, mal vorsichtig und langsam auf den Rücken dreht, knuddelt, vorsichtig rubbelt usw. Es reicht schon ein 1-2x täglich durchgeführtes kurzes „Handlingprogramm“, denn es darf den Welpen auch nicht überfordern, sonst erhält man gegenteilige Effekte. Ein vernünftig und sinnvoll ausgeführtes Handling löst beim Welpen milden Stress aus, was zu einer erhöhten Noradrenalinaktivität führt. Das Gehirn reagiert mit zunehmender Serotoninaktivität, um über die „bremsende“ Wirkung des Serotonins das innere Gleichgewicht wieder herzustellen. So bilden sich schon in sehr früher Lebenszeit Muster zur Stressbewältigung aus, die sich effektiv einbrennen und den Welpen belastbarer machen.

 

-Anpassung an verschiedene Umgebungen

Neue Umgebungen, die ein Hund nicht kennt können genauso wie unbekannte Situationen Stressfaktoren sein. Für ein gesundes Stressmanagement ist es deshalb wichtig, dass ein Welpe verschiedenen Umweltreizen ausgesetzt wird. Wie dies von Statten gehen sollte ist individuell sehr unterschiedlich. Grundsätzlich sollte man versuchen, den Welpen die wichtigsten Umgebungen in denen er sich später einmal bewegen und aufhalten muss kennenlernen zu lassen, muss ihn aber dabei sehr genau beobachten und aufpassen, dass der Stresspegel nicht zu hoch wird. Ideal wäre es, wenn er so lange – evtl. in mehreren Schritten – eine einzelne Umgebung kennen lernen kann, bis er in der Lage ist, sich dort zu entspannen. Das zeigt sehr eindeutig, dass er die Geschehnisse dort als neutral und nicht bedrohlich abgespeichert hat und das Stresssystem nicht überfordert ist. Erst dann ist es sinnvoll, andere Umgebungen kennen zu lernen. Im Zweifel lieber nur die wichtigsten Umgebungen aufsuchen. Eine Überforderung dahingehend kann lebenslange Auswirkungen auf das Stresssystem haben, wobei das Kennenlernen anderer Umgebungen auch später immer noch über Gewöhnung möglich ist.

Es gibt aber auch umgebungsabhängige Stressfaktoren, an die ein Hund sich nicht gewöhnen kann. Dies kann ein unpassender Erziehungsstil, eine stressende Geräuschkulisse (häufiges Knallen z.B.), oder das regelmäßige Begegnen unverträglicher Hunde sein. All dies ist zu berücksichtigen, wenn ein Hund Symptome von lang anhaltendem Stress zeigt und an einer Besserung dieses Zustandes gearbeitet werden soll.

 

-Soziale Kompetenz

Damit ein Welpe später keinen übermäßigen Stress in der Begegnung mit Artgenossen hat, sorgt soziales Training dafür, dass ein Welpe lernt, wie er sich ihnen gegenüber verhalten sollte und welche Regeln dabei gelten. Das Agieren in einer innerartlichen Gemeinschaft kann am besten in einer gut geführten Welpengruppe erlernt werden, die von Trainern geleitet wird, die individuell erkennen können, wann wo eingegriffen werden muss. Auch die Anwesenheit eines gut sozialisierten erwachsenen Hundes ist von Vorteil, denn diese „dämpft“ das Temperament der kleinen und sorgt so für weniger zu hoch gefahrene Situationen.

 

-Ernährung

Auch eine Unausgewogene Ernährung kann ein Stressauslöser sein. Serotonin wird aus Tryptophan und einigen Vitamin-B – Komplexen gebildet. Sind diese nicht in ausreichender Menge vorhanden, weil sie über die gegebene Nahrung nur unzureichend zugeführt, oder vom Hund nicht richtig aufgenommen und / oder verwertet werden, kann es zu einem Serotoninmangel kommen, was einen übernervösen Charakter zur Folge haben kann. Andersherum kann es über Getreidehaltiges Futter zu einer Überversorgung von Tyrosin kommen, was im Getreide in großen Mengen enthalten ist und der Grundstoff für das Stresshormon Noradrenalin ist. Auch daraus können übertriebene Ängstlichkeit, Hyperaktivität oder eine aggressive Grundhaltung resultieren.

 

-Krankheit

Schmerz und / oder Unwohlsein in Folge von Verletzungen oder Krankheit lösen je nach Hund und Intensität Stress verschiedenster Intensitäten aus. Auch der Tierarztbesuch ist für die meisten Hunde ein Stressauslöser. Bei plötzlich auftretenden anhaltenden Stresssymptomen muss unbedingt auch ein medizinischer Check erfolgen.

Auch ein Hormonungleichgewicht ist ein nicht unüblicher Stressfaktor bei Hunden. Die Über- oder Unterproduktion von bestimmten Hormonen kann zu einer Störung des gesamten Hormonsystems führen. Die häufigsten Verhaltensauffälligkeiten werden vom Testosteron und vom Schilddrüsenhormon Thyroxin verursacht. Es macht also durchaus Sinn, bei dahingehend verhaltensauffälligen Hunden, einen Hormonspiegel anfertigen zu lassen.

 

-Überreizung

Überreizung ist der Oberbegriff für einen Zustand, in dem ein Hund zu vielen einzelnen Stressreizen ausgesetzt ist, die er eigentlich verarbeiten könnte, wenn sie nicht so gehäuft auftreten würden. Das kann z.B. auch das übertriebene Animieren zu bestimmten „Spielen“ oder überhaupt Verhalten sein, was übertrieben gezeigt wird.

Extreme körperliche Belastungszustände aktivieren das Stresssystem für eine vorübergehende Steigerung der Körperkraft. Dazu gehören z.B. hohes Springen, starkes Beschleunigen und abbremsen, so wie lang anhaltendes schnelles Rennen. Bestimmte Jagd- und Kampfspiele bedienen sich genau dieser Verhaltensweisen. Während solcher körperlicher Belastungen sendet das Gehirn Impulse über das vegetative Nervensystem und über Hormone aus der Hypophyse, die dafür sorgen, dass eine erhöhte Leistungsfähigkeit in Form von erhöhter möglicher Muskelkraft zur Verfügung steht.

Die Vorfahren unserer Hunde nutzten diese Stressmechanismen z.B. für die Leistungssteigerung bei der Jagd. Im Gegensatz zu den heute oft üblichen Spielen, die dem Hund körperliche Höchstleistungen abverlangen fand eine aufreibende Jagd aber viel seltener statt und es gab genügend Erholungspausen, die für das weitere Funktionieren des Körpers nötig, und fester Bestandteil des leistungssteigernden Stresssystems sind. Ohne diese Pausen kommt es zu Überreizungen. Die Nebenniere reagiert auf langfristige Überreizung mit ihrer Vergrößerung und damit zu einer erhöhten Produktion von Stresshormonen. Ständige Stresssymptome und ein erhöhter Stresshormon-Grundpegel sind die Folge. Es ist daher nicht anzuraten, mit seinem Hund täglich Wurf- oder Beutespiele zu spielen und es sollte auch darauf geachtet werden, dass beim Spiel mit anderen Hunden keine regelmäßige (tägliche) Überreizung stattfindet.

 

-Unterforderung

Hunde schlafen und ruhen im Normalfall viel und gerne – das können auch mal über 20 Stunden sein. Trotzdem kann es vorkommen, dass ein Hund körperlich und /oder geistig nicht ausgelastet ist und auch dies kann Stress auslösen. Unterforderung kann sich auf verschiedene Weise zeigen. Einerseits ist es möglich, dass sich der Energieüberschuss dann in Hyperaktivität entlädt, wenn es endlich nach Draußen geht, dann hat man einen schlecht zu kontrollierenden Hund, der sich für alles interessiert, nur für den Halter nicht, andererseits kann es auch zu Stressverhalten innerhalb der Wohnung kommen – Schwanzjagen, unruhiges Umherrennen usw können hier die Folge von Unterforderung sein.

Nun liegt es nah, einen solchen Hund über Wurf- und / oder Rennspiele versuchen auszulasten, DOCH DAVON IST DRINGEND ABZURATEN!! Solche „Spiele“ machen zwar für einen kurzen Moment müde und evtl. schläft der Hund nach einem solchen Beschäftigungsprogramm sogar, eine artgerechte und den Hund langfristig zufriedenstellende Auslastung aber sieht anders aus.

Wurfspiele können süchtig machen und dann anderweitig Stress hervorrufen. Es sieht dann zwar so aus, als mache es dem Hund unendlich viel Spass, hinter einem Wurfgeschoss her zu hetzen, in Wirklichkeit hat er sich aber an den hormonellen Kick gewöhnt, den das Hetzen auslöst und braucht das Wurfobjekt nur zu sehen, um zitternd nur noch dafür Augen zu haben.

Monotonie und Unterforderung steht oft in Verbindung mit dem Nebennieren-Stresshormon Cortisol, was sowohl für seelische Spannung als auch für unangenehme Gefühle sorgt. Ein Hund mit einem dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel kann sogar im Schlaf unter Spannung stehen, denn in seinem Inneren ist er über die aufgebaute Leistungsfähigkeit gespannt wie ein Bogen, auch wenn es so aussieht, als würde er völlig entspannt schlafen. In solchen Fällen kann man sehr schnell Besserung erreichen, in dem man einfach Körper und Geist den Anlagen des Hundes entsprechend fördert.

 

-Verunsicherung

Verunsicherung entsteht vor allem durch nicht Vorhersagbarkeit des Verhaltens der den Hund umgebenden Individuen (in erster Linie der Halter) und / oder durch auftretende Situationen, die der Hund in der Vergangenheit schon mal nicht unter Kontrolle hatte, in denen die Kommunikation des Halters mit dem Hund unklar war, in denen er trotz Unklarheit keine Unterstützung vom Halter erhalten hat, usw. Es können Kleinigkeiten sein, die einen Hund verunsichern, z.B. nicht nach draußen gehen, wenn der Mensch die Leine nimmt, keine Nahrung bekommen, wenn der Futternapf hervorgeholt wird, und alle anderen Abweichungen von sonst stattfindenden Routinesituationen.

Auch verschiedene wechselnde Reaktionen eines launischen Halters in bestimmten immer wiederkehrenden Situationen, schaffen Unklarheit und Verunsicherung. So kann ein Hund z.B. stark verunsichert werden, wenn er im Wald seinen Menschen, der dort passende Kleidung trägt anspringen darf, aber für das Anspringen bestraft wird, wenn der Mensch saubere Kleidung trägt. Extreme Verunsicherung findet statt, wenn der Mensch seinen Hund für korrekt ausgeführte Kommandos sanktioniert, was z.B. der Fall ist, wenn der Hund auf den Rückruf nach Halterermessen zu langsam kommt , und dafür bestraft wird. Auch falsche, nicht angemessene Korrektur oder Korrektur ohne Vermittlung eines Alternativverhaltens kann einen Hund stark verunsichern und in Folge vermeidbaren Stress erzeugen.

Wenn Familienmitglieder streiten, oder auch aus Spass miteinander rangeln, kann das den Hund verunsichern. Er sieht nicht den Spass, der dahinter steckt.

 

-Mehrhundehaltung

Wenn sich zwangsvergesellschaftete Hunde nicht verstehen, kann auch dies ein erheblicher Stressfaktor sein. Damit ist nicht die ganz normale und artgerechte, oftmals auch aggressive Kommunikation unter Hunden gemeint, sondern ein Verhältnis, dass z.B. immer wieder Ernstkämpfe hervorbringt, oder in dem erkennbar ist, dass sofort wenn sich die Hunde begegnen Stresssymptome auftreten, die über die Dauer der Begegnung anhalten usw. In solchen Fällen hilft eigentlich nur die Abgabe eines der beiden Hunde.

 

Schock / Trauma

Ein Schock ist eine sehr plötzliche und vollständige Überladung des Nervensystems, die Verhaltensänderungen wie Neigungen zu unkontrollierter Angst, Nervosität, emotionaler Unruhe, Ruhelosigkeit, Scheue, Reizbarkeit und Anspannung zur Folge haben, und im Extremfall sogar zum Tod führen kann. In schweren Fällen kann es zu Depressionen und / oder Apathie kommen. Auch Schlafstörungen können auftreten. Es kann eine so große Unsicherheit auftreten, dass jegliche Entspannung als Gefahrenzustand empfunden wird. Oft werden besonders abgeschottete Ruheplätze aufgesucht. Möglich ist auch eine verminderte Konzentrationsfähigkeit und / oder das Blockieren bestimmter Verhaltensweisen, die vorher vorhanden waren so wie eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit beim Teamwork mit dem Menschen (z.B. Nasenarbeit). Auf nachfolgende plötzlich auftretende Ereignisse wird unter Umständen heftiger reagiert. Der Hund scheint dann launischer zu sein, ist schneller gereizt und reagiert aggressiv, oder lässt sich schneller einschüchtern. Nicht selten ist eine gesteigerte Geräuschempfindlichkeit gegeben. Die Umgebung wird evtl. IMMER nach möglichen Gefahren gescannt und auch eine dauerhaft ängstlich wirkende Körperhaltung ist möglich. Ein traumatisierter Hund erwartet scheinbar ständig unangenehme Dinge und negative Erlebnisse.

Ältere Hunde erholen sich tendentiell besser und schneller von solchen Erlebnissen, bei jungen Hunden oder Welpen können dauerhafte Verhaltensänderungen auftreten. Mit diesen Verhaltensänderungen gehen auch Veränderungen des Hormonhaushaltes einher, daher sind sie oft nicht über reines Training abzubauen. Langanhaltende Verhaltensänderungen nach einem Schock werden posttraumatische Belastungsstörung genannt.

Die Auswirkungen eines Schocks können sehr lange anhalten, daher muss eine posttraumatische Behandlung über mindestens 5-6 Monate andauern, in besonders schweren Fällen sogar bis zu einem Jahr. Durch den starken und andauernden Stress wird das Immunsystem geschwächt und das Infektionsrisiko erhöht sich. Generell ist das Krankheitsrisiko durch die gesteigerte Leistung der Organe erhöht. Es kann ein lang anhaltendes Ungleichgewicht zwischen den Botenstoffen im Gehirn auftreten. Dies betrifft unter anderem Noradrenalin und Serotonin.

Ein Schock (psychologisches Trauma) läuft in 3 verschiedenen Phasen ab:

1. Akutes Trauma.

Das akute Trauma folgt direkt dem Schock. Der Hund ist sehr verhaltensauffällig, scheint keine Informationen aufnehmen zu können, ist desorientiert.

2. Erweiterter Schockzustand

Diese Phase tritt ein, wenn der Schock oder dessen Auswirkungen nicht nachlassen. Es kann ein Zustand extremer Erschütterung beobachtet werden. Vorher ohne sichtbare Reaktion durchlebte Situationen können nun extreme Panik oder auch Aggression auslösen.

3. Latenter Schockzustand.

In dieser Phase hat der Hund scheinbar zu einem normalen Verhalten zurückgefunden. Dies ändert sich schlagartig, wenn etwas geschieht, was ihn an die Schocksituation erinnert, denn dann können heftige Reaktionen gezeigt werden.

Ob und wie ein Hund ein traumatisches Erlebnis verarbeiten kann ist unterschiedlich und hängt von seinem Alter und von seiner Konstitution ab, die größtenteils genetisch bedingt ist. Es gibt Hunde, die traumatische Erlebnisse in relativ kurzer Zeit verarbeiten können und andere, die ein Leben lang von einem solchen Ereignis beeinflusst werden und Verhaltensveränderungen / Auffälligkeiten zeigen.

Besonders extrem wirkt sich ein Schockerlebnis im Welpenalter aus. Die Sensibilität eines Welpen bewirkt als Resultat auf traumatische Erlebnisse in diesem Alter starke und langanhaltende Veränderungen in Verhalten und Persönlichkeit. Seine Einstellung zur Umwelt und seine Gefühlszustände so wie seine Lernfähigkeit können beeinflusst werden. Besonders die Angst vor dem Unbekannten wächst. EIN traumatisches Erlebnis kann aus einem problemlosen Welpen oder Junghund ein passives, verängstigtes Wrack machen.

Bei älteren Hunden bezieht sich die Angst meistens auf Situationen, die an die traumatisierende Situation erinnern.

 

Wie erkenne ich einen gestressten Hund – äußerliche Symptome?

Es gibt viele Anzeichen dafür, dass ein Hund gerade gestresst ist. Bei akutem Stress macht das ausgeschüttete Adrenalin den Hund aktiver / aufgeregter. Bei chronischem Stress wirkt sich der Mangel an Noradrenalin, Serotonin und Dopamin am meisten auf den Organismus aus, der dann irgendwann abschaltet.

Hier die wichtigsten Stressymptome:

-Hochfrequentes, angestrengtes Hecheln

Beim Stresshecheln ist der Maulspalt wie zu einem Grinsen zurückgezogen. Dieses Symptom muss immer im Zusammenhang mit der Situation gesehen und beurteilt werden.

-Hyperaktivität

Hyperaktivität zeigt sich durch eine ständige Unruhe, evtl. hektische Panik und schon nervende Lebhaftigkeit. Hyperaktiven Hunden ist es kaum möglich irgendetwas in Ruhe zu machen. Sie hüpfen, springen, ziehen an der Leine und können allerhöchstens dann entspannen, wenn in der Wohnung alles ruhig ist, neigen dann aber auch dazu, zu jaulen, oder Dinge zu zerkauen. Soll er auf einem bestimmten Platz sitzen bleiben und der Halter schafft es, dies zu vermitteln, ist das Verweilen oft nur unter Winseln, jaulen oder Bellen möglich. Es ist oft eine hohe Spielbereitschaft vorhanden und es wird ohne ersichtlichen Grund herumgerannt. Dieser Zustand führt schnell zum Verbrauch der dem Organismus zur Verfügung stehenden Reserven, was in starkem Nachlassen jeglicher Aktivität und schließlich apathischem Abschalten führen kann.

-Übermäßige Reaktivität

Der Hund kann sich nicht wirklich entspannen und reagiert grundsätzlich auf die kleinsten Veränderungen in seinem Umfeld.

-Überreaktionen

Hier reagiert der Hund übertrieben auf bestimmte Reize. Dazu gehört z.B. übertriebenes Begrüßungsverhalten, bei dem Hunde nicht nur freudig reagieren, sondern total ausflippen und scheinbar extrem ausgelassen sind, sich kaum beruhigen können. Auch bei Hundebegegnungen mit Hunden, die der überreagierende Hund nicht mag, reagiert er nicht nur ärgerlich, sondern verliert sich in nicht zu stoppendem, rasendem Verhalten. Wenn ein Hund übertrieben schreckhaft ist, gehört das auch in die Kategorie „Überreaktion“.

-Gähnen

-Schütteln

-Strecken

Strecken, das nicht nach langem liegen auftritt kann situativ auch Ausdruck von Stress sein.

-Aufmerksamkeits / Konzentrationsmangel

Auch dieses Symptom muss im Gesamtzusammenhang mit der Situation beurteilt werden. Der in manchen Stresssituationen auftretende „Tunnelblick“ macht es dem Hund unmöglich, noch für Ansprache empfänglich zu sein. Diese Art von „Ungehorsam“ darf auf keinen Fall sanktioniert werden.

-Ungeduld / Winseln

Der Hund schafft es nicht, in Erwartung für ihn besonderer Dinge ruhig zu bleiben. Sei es das Rausgehen, bei dessen Anzeichen der Hund schon jaulend vor der Tür hin und her läuft, sei es das Winseln und die Unruhe im Auto wenn zum Hundeplatz oder in den Wald gefahren wird, oder ein unruhiges Jaulen, wenn gewartet werden muss, bevor der Hindernisparcours aufgebaut ist. Geduldiges, entspanntes Warten ist solchen Hunden fremd.

-Aggressivität

-Übervorsichtigkeit und / oder Ängstlichkeit nach Erschrecken

Alle diese Zustände könnte man zusammenfassend als „Unausgeglichenheit“ bezeichnen. „Unausgeglichenheit“ ist zum Teil genetisch begründet, zum anderen Teil auch durch Lernerfahrungen.

-Verwirrtheit

-Zwangsverhalten (Stereotypien)

Unter diesen Punkt fallen Verhaltensweisen, die mit der eigentlichen Situation nichts zu tun haben, und dazu noch in ungewöhnlich hoher Frequenz oder Intensität gezeigt werden. Das Gehirn ist überfordert und versucht so Stress und Energie loszuwerden. Als Beispiele sind zu nennen: Schwanzjagen, Bellen, Steine fressen, Buddeln, Wälzen, usw.

-Schweißpfoten

...Pfotenabdrücke sind beim Laufen auf glatten Flächen erkennbar.

-Fressen großer Grasmengen

-Andauerndes Ablecken des Bodens (oft Teppich)

-Selbstverstümmelung

Die häufigsten Arten der Selbstverstümmelung in Folge von Stress sind das Aufbeißen oder Wundlecken von Rute, Flanken, Pfoten und / oder der Genitalregion.

-Exzessive Körperpflege

Übertriebenes Putzverhalten, besonders an den Pfoten, Flanken und Genitalien, manchmal bis zum Wundlecken.

-Übermäßiges Schlafbedürfnis

Hier handelt es sich meistens um das „Abschalten“ aufgrund einer Erschöpfung des Serotonin-Haushaltes. Es ist dann zwar ein besonders hohes Schlafbedürfnis vorhanden, welchem der Hund durch die innere Unruhe aber nicht gerecht werden kann. Das kann zu einem Teufelskreis ausarten.

-Körpersteifheit

Verspannte Muskulatur, steifes Gangbild, Muskeln fühlen sich beim Streicheln ungewöhnlich hart an.

-Zittern

-Soziales Konfliktvermeideverhalten (Beschwichtigungsverhalten)

Z.B: Blick abwenden, Körper oder Körperteile abwenden, schnelles Lecken über Fang / Nase, Einfrieren, extrem langsame Bewegungen, Hinlegen, Vorderkörpertiefstellung, Gähnen.

 

 

 

 

Körperliche Symptome

Auch körperlich kann sich ungesunder Stress bemerkbar machen. Häufige Symptome sind:

-Magen / Darm – Probleme (grummeln / weicher Kot / Erbrechen / Durchfall)

-Übersteigertes Trink- und Urinierverhalten….auch Unsauberkeit in der Wohnung

Steht ein Organismus unter starkem Stress, wird unter anderem vermehrt Aldosteron ausgeschüttet, was starken Harn- und Kotdrang auslöst. In solchen Momenten ist das Einhalten nicht mehr möglich, was dazu führt, dass er sich lösen MUSS, wo er sich gerade befindet – auch in der Wohnung. Auch solches Verhalten darf niemals sanktioniert werden.

-Häufiger Kotabsatz…evtl. auch hier in der Wohnung

-Anfälligkeit für Infektionskrankheiten

Bei solchen Erkrankungen ist es immer sinnvoll, auch zu überlegen, ob Stressfaktoren zumindest ein Mitauslöser sein könnten.

-Häufige Muskelverletzungen aufgrund von hektischen, schnellen Bewegungen bei „kalter“ Muskelstruktur. (…ist ein „Folgeproblem“).

-Hautprobleme

Hotspots und Allergien hängen stark mit Stress zusammen. Beim Auftreten solcher Symptome sollte eine medizinische Ursache zwar nicht ausgeschlossen werden, aber auch der Stressfaktor ist zu berücksichtigen.

 

 

Stress genauer betrachtet / Neuropsychologie

 

Die Phasen im Ablauf einer Stressreaktion

-Alarmreaktion:

Das Gehirn bekommt einen bestimmten Reiz gemeldet, bewertet diesen und löst dieser Bewertung entsprechend gewisse Reaktionen im Körper aus. Es werden z.B. Ressourcen mobilisiert, der Körper wird in jeder Hinsicht auf ein evtl. bevorstehendes Ereignis vorbereitet und in Alarmbereitschaft versetzt.

-Abwehrreaktion / Handlungsphase / Vorabbewertung

Diese Phase erkennt man am Verhalten, was man in relevanten Situationen am Individuum beschreiben kann. Das Gehirn bewertet den Reiz und entscheidet in Mikrosekunden, ob es sich um einen positiven oder negativen Reiz handelt. Danach fällt die Reaktion aus, die entweder aus z.B. Angriff, Verteidigung oder Flucht (negative Bewertung des Gehirns), oder aus annäherndem Erkundungsverhalten (positive Bewertung des Gehirns) besteht. Diese Beurteilung ist von vielen ineinandergreifenden Faktoren abhängig. Lernerfahrungen mit dem auslösenden Reiz spielen z.B. ebenso eine Rolle, wie die ganz individuelle Sensibilität des Hundes und gerade vorherrschende körperliche Bedürfnisse (Hunger, Durst, usw.). Trotz der Schnelligkeit, in der diese Bewertung stattfindet, ist sie ein sehr komplexer und viele Komponenten einbeziehender Prozess.

-Eindeutigere Klassifizierung des Reizes

Nun findet eine genauere Klassifizierung des Reizes oder der Situation statt, die dann auch sogenannte Basisemotionen wie Wut, Freude, oder Angst hervorrufen. Diese genauere Klassifizierung kann entweder die erste Bewertung bestätigen, oder auch revidieren und für doch nicht negativ befinden. Dies ist z. B. dann der Fall, wenn ein Hund sich vor einer plötzlich auftauchenden Person erschreckt, also eine abstandsvergrößernde Fluchtreaktion zeigt, dann aber bemerkt, dass es sich um seinen Halter handelt, worauf das Stresssystem wieder herunterfährt und eine Annäherung stattfindet. Jedenfalls wird in dieser Phase unter Einbeziehung kognitiver Denkleistungen ein eindeutigeres Bild der Situation geschaffen und danach gehandelt.

Es kann auch vorkommen, dass das Gehirn den auslösenden Reiz zwar als eigentlich negativ bewertet, aber trotzdem eine Annäherung / Erkundung als passendes Verhalten vorgibt. Dies ist beim Hund dann in einem sogenannten Annäherungs – Meide – Konflikt oder einer Mischmotivation erkennbar. Der klassische Fall eines solchen Konfliktes liegt vor, wenn ein Hund eigentlich Angst vor fremden oder bestimmten Menschen hat, sich ein solcher Mensch aber plötzlich körpersprachlich geschickt und zusätzlich noch mit dem Lieblingsleckerchen des Hundes präsentiert. Einerseits möchte er wegen seiner Angst den Abstand zur Person vergrößern, andererseits bewegt die Person sich aber eher einladend, als angsteinflößend und hat auch noch etwas leckeres dabei, was für eine Annäherung sprechen würde. Was der Hund dann letztendlich macht, liegt an vielen verschiedenen ineinandergreifenden Faktoren, wie z.B. ob er gerade gefressen hat, oder hungrig ist, wie stark seine Angst wirklich ist, der Umgebung, seiner momentanen Grundstimmung usw.

An dieser Stelle sei auch auf die Unterscheidung und auf die Bedeutung der sogenannten negativen Voreingenommenheit und des positiven Abwägens hingewiesen. Hunde reagieren auf einen mäßig negativen Reiz heftiger (negative Voreingenommenheit), als auf einen mäßig positiven Reiz gleicher Intensität (positives Abwägen). Dies ist genetisch bedingt und liegt in der Evolution begründet, unter deren Druck es vorteilhaft war, gewissen Reizen gegenüber zwar neugierig und Optimistisch zu sein, negativen Reizen gegenüber hingegen eine in der Intensität heftigere Abwehr / Fluchtreaktion zu zeigen.

-Erschöpfungsphase

Diese Phase beginnt sofort nach einer gemeisterten stressigen Situation. Auch wir Menschen kennen das: Nach sehr aufregenden Erlebnissen werden die Knie weich und man ist sehr kraftlos. Die Energiereserven wurden verbraucht und müssen nun wieder aufgeladen werden. Die stark beanspruchten Organe und Muskeln brauchen Regeneration und Erholung. Erneutes starkes und aufeinanderfolgendes Ansprechen des Stresssystems verhindert diese wichtige Regeneration und überlastet Körper und Geist. Aus nicht erfolgter Regeneration können Folgekrankheiten resultieren, die sich psychisch und / oder physisch bemerkbar machen können.

 

Drei Ebenen

Eine Stressreaktion läuft auf drei Ebenen ab. Diese Ebenen „arbeiten“ eng zusammen, um die angestrebte Anpassung zu bewerkstelligen.

1. Ebene: Reaktion des vegetativen Nervensystems.

Diese Ebene ist nicht bewusst steuerbar und besteht aus dem sympathischen Nervensystem, das den Körper aktiviert und dem parasympathischen Nervensystem, das den Körper zur Ruhe bringt.

2. Ebene: Erzeugung und Wirkung der Stresshormone im Körper.

3. Ebene: Auswirkungen auf den Gefühlsbereich im Gehirn, das limbische System.

 

Ablauf einer Stressreaktion

Der Ablauf einer Stressreaktion wird nun am Beispiel eines Hundes beschrieben, auf den ein fremder Hund mit hoher Geschwindigkeit zurennt, worauf er sich mit Kampf oder Flucht vorbereitet, also eine aktive Stressreaktion zeigt.

Zunächst reagiert das aktivierende sympathische Nervensystem, als würde ein Schalter umgelegt und die Amygdala wird mit Reizsignalen bombardiert. Dies ist mit einem Stromschlag vergleichbar. Dieses System ist weit im Körper verzweigt und in seinen Nervenenden befindet sich der Botenstoff Noradrenalin, der nun direkt an den relevanten Organen freigesetzt wird, also nicht erst den „langen und langsamen“ Weg durch die Blutbahn nehmen muss. Das Herz schlägt schneller, um den Körper effektiver zu versorgen, so dass also Nährstoffe und andere wichtige im Blut transportierte Dinge schnell dorthin kommen, wo sie ihre Wirkung erzielen. Die Muskeln stehen auf Spannung und der Hund ist reaktionsbereit.

Nun kommen die Nebennieren ins Spiel. Sie sind kleine Anhängsel der Nieren und halten Adrenalin und Noradrenalin im Nebennierenmark vor. Das vegetative Nervensystem sorgt für die Freisetzung dieser beiden Neurotransmitter, die nun maßgeblich für den weiteren Verlauf der Stressreaktion verantwortlich sind, indem sie weiterhin den Herzschlag erhöhen, die Atmung beschleunigen, die Leber anregen, und zusätzliche Zuckerreserven freizusetzen. Nun haben wir im Körper des Hundes folgenden Zustand: Das Blut bewegt sich schnell (Herzschlag), wird zusätzlich mit Sauerstoff (Atmung) und Zucker (Leber) angereichert.

Das Blut wird so weit wie möglich aus den Organen und der Haut herausgezogen und in die Muskeln geleitet, was zur Folge hat, dass die Haut blass wird und die Muskeln sich vergrößern und stärker werden. Der Blutdruck steigt, die Pupillen weiten sich zwecks größerem Lichteinfall und wirken dunkel, die Blutgerinnungsfähigkeit wird erhöht, die Haare stellen sich auf, und die Wirbelsäule krümmt sich nach oben, um den Hund größer erscheinen zu lassen. Sehschärfe, Bereitschaft und Aktivität haben nun oberste Priorität. Der Hund atmet schnell und ist nun aktionsbereit.

Handelt es sich beim auslösenden Stressreiz um einen kurzen Reiz (Knall), oder einen, der doch nicht so gefährlich ist, wie er erst schien (heranstürmender Hund ist freundlich), beruhigt sich der Körper wieder und die Stressreaktion ebbt ab. Die letzte Stufe tritt nicht ein. Trotzdem braucht der Hund noch eine Weile, bis er wieder einen für ihn „normalen“ Grundzustand erreicht hat.

Besteht der stressende Reiz aber weiter zündet quasi die dritte Stufe der Stressreaktion. Daran ist maßgeblich die Hypophyse (Hirnanhangdrüse) beteiligt, die an der Basis des Zwischenhirns sitzt und die Aufgabe hat, über das Freisetzen bestimmter Hormone andere Drüsen im Körper zu steuern. Da die „Steuerbefehle“ der Hypophyse über den Blutkreislauf verteilt werden, kommen sie nicht in Sekundenbruchteilen bei den Empfängern an, wie es bei den Nervenimpulsen des sympathischen Nervensystems der Fall ist, sondern wirken leicht verzögert. Das Weiterbestehen des Reizes sorgt also nun dafür, dass die Hypophyse die Nebennierenrinde unter anderem dazu anregt, ihr Hormon, das Cortisol, freizusetzen. Dazu leitet sie das Adrenocorticotrope Hormon, kurz ACTH genannt ins Blut.

Das Cortisol regt unter anderem die Fettdepots dazu an, Fett ins Blut abzugeben, was die Muskeln noch leistungsfähiger macht. Nun ist der Hund endgültig zu einer Höchstleistung bereit – egal, ob diese Flucht oder Kampf bedeutet.

Nach durchgestandener Stresssituation muss nun eine Erholungsphase folgen, in der vor allem das Cortisol abgebaut werden muss. Es hat eine Halbwertzeit von ca 20 min, was bedeutet, dass nach 20 min die Hälfte davon abgebaut ist, wenn kein neuer Stressfaktor mehr auftritt.

 

Beteiligte Hormone:

-Adrenalin:

Adrenalin ist ein Neurotransmitter (wird später genauer erklärt), und wird in den Blutkreislauf ausgeschüttet, wenn der Körper eine akute Stressreaktion (Angst / Schreck) zeigt. Es sorgt dafür, dass sich der Organismus mit diversen Maßnahmen über das Mobilisieren von Leistungsreserven auf Flucht- oder Abwehrverhalten vorbereitet um zu überleben und lässt ihn schnell handeln.

-Dopamin:

Dopamin ist auch ein Neurotransmitter und an der motorischen Koordination, der Aufmerksamkeit, der Bestätigung und der Reaktionszeit beteiligt. Zu wenig Dopamin kann Lernblockaden, Erregbarkeit, Ängste und einen zu niedrigen Endorphinlevel (natürlicher Schmerzstiller) zur Folge haben. Außerdem hat Dopamin großen Einfluss auf das Empfinden von Glück, so dass ein Mangel mit herabgesetzter Lebensfreude und weniger positiven Emotionen zusammenhängt. Dopaminüberschuss kann Unruhe, impulsives Verhalten und impulsive Reaktionen auslösen.

 

-Noradrenalin:

Noradrenalin entsteht aus der Aminosäure Tyrosin, wird nur in kleinen Mengen von der Nebenniere produziert und dient als Botenstoff für die Übertragung von elektrischen Nervenimpulsen in den Synapsen, ist also auch ein Neurotransmitter. Werden bestimmte Nervenzellen, die im ganzen Körper innerhalb des sympathischen Nervensystems verteilt sind, von dem „Beschleuniger“ Noradrenalin aktiviert, nehmen Geschwindigkeit und Aktivität in den Muskeln zu.

Das Noradrenalin ist z.B. für die Regulierung des Energiehaushaltes zuständig. Ein zu geringer Noradrenalinspiegel lässt den Körper seinen Energieverbrauch herunterfahren und ein zielgerichtetes Denken ist nicht mehr möglich oder erschwert. Noradrenalinmangel ist entweder auf eine Produktionshemmung, oder auf eine Erschöpfung der vorhandenen Menge zurückzuführen und kann Lethargie und Depressionen verursachen. Die Noradrenalinproduktion wird z.B. bei chronischem Stress oder einem psychischen Trauma gehemmt, was nach einer gewissen Zeit sogar dazu führen kann, dass der Körper vollständig abschaltet. Die sogenannte „erlernte Hilflosigkeit“ wird auch mit Noradrenalinmangel in Verbindung gebracht. Ist der Noradrenalinspiegel zu hoch, kann das zu Aggression, übersteigerten Erregungszuständen (Überreaktionen), impulsivem Verhalten und Reizbarkeit führen.

 

-Serotonin:

Ein weiterer Neurotransmitter ist das Serotonin. Das Serotonin nennt man auch „Glücksbotenstoff“, es beeinflusst Schmerz- und Reizbarkeitsniveau, die Stimmungslage und steuert den Schlaf / Wach-Zyklus, sorgt also dafür, dass der Hund Glück empfindet und sich wohl fühlt. Ein zu niedriger Serotoninspiegel kann die Lernfähigkeit beeinträchtigen, zu Ängsten und Zwangshandlungen führen und aggressives / impulsives Verhalten insbesondere bei Bedrohung und / oder Frustration hervorrufen. Es wird aus der Aminosäure Tryptophan gebildet, die über die Nahrung aufgenommen werden muss. Serotonin steuert und hemmt Wut und Aggression. Serotonin wirkt beruhigend auf bestimmte Nervenzellen im Gehirn und steuert / hemmt so Wut, Angst, Anspannung und Aggression. Es beruhigt das Gehirn, und sorgt so dafür, dass es nicht außer Kontrolle gerät. Serotonin wirkt als Gegenpol zum Noradrenalin und gleicht damit die aktivierende Reaktion des Noradrenalins aus, so dass eine balancierte und optimale Reaktion auf eine bestimmte Situation erfolgen kann. Lange stressbeladene Phasen oder traumatische Erlebnisse – besonders in jungen Jahren – können ein Ungleichgewicht im Zusammenspiel von Noradrenalin und Serotonin hervorrufen. Dies äußert sich darin, dass die Aktivität in den Noradrenalinzellen erhöht ist, während in den Zellen, in denen das Serotonin greift, weniger geschieht. Die äußerlichen Symptome sind dann Verkrampfen, Geräuschempfindlichkeit, Schreckhaftigkeit, Nervosität, gesteigerte Aggressivität, übertriebene Vorsicht und erhöhte Traumaktivität.

Ein emotional extrem reagierender Hund (z.B. Wut oder Aggression) hat ein herabgesetztes Schmerzempfinden, wofür auch das Serotonin verantwortlich ist. Das ist auch der Grund, warum physische Bestrafung in emotional geladenen Situationen keinen großen Nutzen bringt. Serotonin wird auch mit dem Beißverhalten in Verbindung gebracht. Hunde, die vor dem Beißen warnen und dann zunächst sehr gehemmt schnappen haben meist einen ausreichend hohen Serotoninspiegel, wobei Hunde, die nicht warnen und / oder direkt sehr fest zubeißen einen zu niedrigen Spiegel aufweisen.

-Glutamat und Gamma-Aminobuttersäure

Diese beiden Neurotransmitter haben eine homöostatische Funktion im Nervensystem und arbeiten dabei als gegensätzliche Effekte erzielende Kräfte eng zusammen. Glutamat übermittelt Erregungsreize, wogegen Gamma-Aminobuttersäure hemmend wirkt. Ein Ungleichgewicht dieser beiden Neurotransmitter kann mentale Instabilität verursachen, weil die Nerven dann entweder unkontrolliert Signale aussenden oder ihre effektive Tätigkeit einstellen.

 

-Cortisol

Auch das Cortisol wird unter Einwirkung von Stress ausgeschüttet und macht den Körper handlungsbereit. Angeregt wird die Cortisolausschüttung vom Hypothalamus, der unter Stress das Hormon CRF (Corticitropin Releasing Faktor) ausschüttet, was für die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) das Signal zur Ausschüttung von ACTH darstellt. Das ACTH wirkt dann auf die Nebennierenrinde mit der Stimulation zur Freisetzung verschiedener Steoride – darunter auch dem Cortisol. Sobald das Cortisol über die Blutbahn den Hypothalamus erreicht, reduziert dieser die CRF-Produktion und somit reagiert auch die Hypophyse mit einer Drosselung ihrer ACTH-Produktion, was für die Nebennierenrinde das Signal zur Verminderung der Cortisolausschüttung ist.

Cortisol hat z.B. Einfluss auf auf den Blutdruck und den Glucosespiegel. Damit hilft es, Stress und Verletzungen zu bewältigen. Im Gegensatz zum schnell wirkenden Stresssystem des Sympathikus, das unter dem Einfluss von Adrenalin steht, wirkt das Stresssystem, bei dem Cortisol beteiligt ist, langsamer. Es wird Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse genannt.

-Adrenocorticotropes Hormon (ACTH)

Dieses Hormon ist Teil der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse. Es wird von der Hirnanhangdrüse, der Hypophyse gebildet, wenn sie vom Hypothalamus über das Ausschütten von CRF dazu angeregt wird. Das ACTH ist das Signal für die Nebennierenrinde, verschiedene Steoride, (z.B. Cortisol) auszuschütten.

-Testosteron:

Die Rolle des Testosterons ist im Zusammenhang mit Stress noch nicht genau geklärt. Mittlerweile gibt es aber schon viele Studien, die sich damit befassen. So ist es z.B. so, dass extremer Stress bei tragenden Hündinnen zu maskulineren Welpen führt. Das Testosteron wirkt sich in Erscheinung, Sexualität, Kampfbereitschaft und Aktivität aus. Da auf den heutigen Ausstellungen immer eher die maskulinen Typen gefragt sind, wird natürlich auch in diese Richtung gezüchtet, was vor allem bei den männlichen Hunden den Testosteronspiegel generell erhöht. Testosteron sorgt für starke sexuelle Erregbarkeit, gesteigertes Markierverhalten und erhöhter Rivalität anderen Rüden gegenüber in Verbindung mit erhöhter Aggressivität. Seine Wirkung ist der eines Stresshormons ähnlich und sorgt so für eine erhöhte Aktivität bis hin zur hyperaktivität. Wie sich diese erhöhte Aktivität zeigt hängt stark von genetischen Dispositionen der verschiedenen Rassen ab. Aus einem hohen Testosteronspiegel kann z.B. auch stärkeres Interesse am Jagen, am Spielen, natürlich an der Fortpflanzung, aber auch am Kämpfen resultieren.

-Thyroxin (Schilddrüse)

Die Schilddrüse kann das Verhalten mit ihrem Hormon Thyroxin beeinflussen. Bei Schiddrüsenüberfunktion wird zu viel und bei Unterfunktion zu wenig Thyroxin produziert.

Wenn Hunde eine gestörte Schilddrüsenfunktion aufweisen, ist dies meistens eine Unterfunktion. Dabei kann es sich um eine primäre oder eine sekundäre Unterfunktion handeln. Die häufigere Version ist die primäre Unterfunktion, bei der die Schilddrüse eine Anomalie aufweist. Ein Teil des Thyroxin produzierenden Drüsengewebes ist dann zerstört, was verschiedene Ursachen haben kann. Die sekundäre Unterfunktion wird durch Probleme in der Hypophyse verursacht, die dazu führen, dass dort zu wenig TSH (Thyreoidea stimmulierendes Hormon) produziert wird. Dies ist bei Hunden jedoch selten.

 

Das Nervensystem

Das Nervensystem besteht aus zwei Hauptbereichen, dem zentralen Nervensystem (ZNS) und dem peripheren Nervensystem (PNS).

 

Zentrales Nervensystem (ZNS)

Das zentrale Nervensystem besteht aus Gehirn und Rückenmark. Vom PNS zum Gehirn geleitete Informationen werden hier interpretiert, ausgewertet und es erfolgt eine Rückmeldung an das PNS und an das endokrine System.

 

Peripheres Nervensystem (PNS)

Das periphere Nervensystem besteht aus den Nerven und einigen Sinnesorganen. Es stellt dem Gehirn bestimmte Informationen zur Verfügung. Das PNS kann weiter in einen zuleitenden und einen ableitenden Bereich gegliedert werden. Der zuleitende Bereich transportiert sensorische Informationen, der ableitende Bereich leitet die Impulse des ZNS an die Muskeln und Drüsen weiter. Der ableitende Bereich besteht aus dem somatischen Nervensystem, das die Nervenfasern umfasst, die vom ZNS zur Skelettmuskulatur führen (SNS), und aus dem vegetativen Nervensystem (VNS), das nicht beeinflussbare, unwillkürliche Prozesse steuert. Das VNS wird nochmals in das sympathische Nervensystem (Sympathikus) und das parasympathische Nervensystem (Parasympathikus) unterteilt.

Der Sympathikus regelt die Köperfunktionen, die in Notfallsituationen greifen und das Bereitstellen von Energiereserven. Von ihm wird auch bei Bedarf die Herzfrequenz und der Blutdruck beeinflusst, die Atemfrequenz erhöht, die Verdauungstätigkeit herabgesetzt, das Ausschütten von Adrenalin angeregt und die Erhöhung des Blutzuckerspiegels initiiert. Der Sympathikus macht den Körper also in Stresssituationen handlungsbereit und löst eine Flucht- oder Abwehrreaktion aus.

Der Parasympathikus bringt den Körper wieder ins Gleichgewicht. Damit wirkt er dem Sympathikus entgegen.

Hunde, die zum Typ A gehören, haben einen genetisch bedingten Hang zu gefühlsbetonter, emotionaler Reaktivität und sind daher sympathisch dominant. Sie sind grundsätzlich stressanfälliger und haben eine niedrigere Reizschwelle. Meistens sind es solche Hunde, die zu Verhaltensauffälligkeiten neigen.

Hunde vom Typ B dagegen sind parasympathisch dominant. Sie sind ruhiger, anpassungsfähiger, emotional stabiler und kognitiver. Sie haben eine eher höhere Reizschwelle.

 

Neuronen (Nervenzellen)

Nervenzellen senden und empfangen Informationen im Nervensystem. Sie haben kleine Ärmchen, deren Enden sich den Ärmchen anderer Neuronen annähern, die aber nicht verbunden sind. Sie liegen nah aneinander und sind durch den sogenannten synaptischen Spalt voneinander getrennt. Es gibt pro Zelle ein Ärmchen, das sendet, das Axon, und mehrere Ärmchen, die empfangen, die Dendriten. Die Axone geben in den synaptischen Spalt chemische Substanzen ab, die sogenannten Neurotransmitter, die dann von den Dendriten einer anderen Nervenzelle aufgenommen werden. So werden Informationen übertragen. Bestimmte Neurotransmitter haben speziell zugeordnete Funktionen und damit auch spezielle Auswirkungen auf das Nervensystem, was wiederum spezielle Verhaltensweisen auslöst.

 

Neurotransmitter

Die Funktion von Neurotransmittern ist es, Informationen von einem Teil des Nervensystems zum anderen – also von einer Nervenzelle zur anderen - zu übertragen. Dies geschieht an der Stelle, wo sich Axon (sendet) und Dendriten (empfangen) bis auf einen kleinen Zwischenraum, den synaptischen Spalt , annähern. In diesem Spalt springen die Nervenimpulse von einem Neuron zum anderen über.

Die Neurotransmitter enthalten als chemische Botenstoffe die zu übertragenden Informationen und wandern mit ihnen im Gepäck von einer Nervenzelle über den synaptischen Spalt zur nächsten. Sie stimulieren, hemmen oder regulieren die Aktivitäten anderer Neuronen. Nachdem ein Neurotransmitter seine Information übertragen hat, wird er entweder von der Zelle aufgenommen, oder abgebaut.

Neurotransmitter werden vom Körper aus bestimmten Stoffen gebildet, die wiederum vorher vom Organismus selbst produziert, oder auch über die Nahrung aufgenommen werden müssen.

Einige relevante Neurotransmitter und ihre Eigenschaften werden unter „Beteiligte Hormone“ näher beschrieben.

 

Das Gehirn

Das Gehirn sorgt dafür, dass Stressreaktionen angemessen sind, auf einem optimalen Level ablaufen und dass sich nach der Reaktion alles wieder beruhigt. Es sorgt dafür, dass Gefühle und Gedanken gut zusammenarbeiten. Gefühle sorgen für schnelle Reaktionen und bestimmen das Verhalten im Moment, während Gedanken langsamer ablaufen, aber tiefgreifender sind.

 

Die Großhirnrinde

Die äußere Schicht des Gehirns ist die Großhirnrinde. Hier sind Bewusstsein und Intelligenz, also kognitive Prozesse wie das logische und rationale Denken verankert. Sie hat eine große Bedeutung beim Lernen und beim Lösen von Problemen. Eingehende Informationen werden in der Großhirnrinde mit erfolgten Lernerfahrungen und vom limbischen System gesandten Gefühlen und Emotionen in Relation gesetzt, worauf das weitere Vorgehen bestimmt wird.

Die Großhirnrinde ist mit Teilen des limbischen Systems (Amygdala) vernetzt, wodurch sich limbisches System und Großhirnrinde gegenseitig beeinflussen. Allerdings findet die Beeinflussung nicht zu gleichen Teilen statt. Die Emotionalität und / oder Impulsivität des limbischen Systems haben einen stärkeren Einfluss auf die Großhirnrinde, als dass die Großhirnrinde mit ihrer rationalen Logik das limbische (Gefühls-) System beeinflussen kann. Dies erklärt auch, warum viele Hunde sehr erregt und emotional reagieren und Training im Bereich der Impulskontrolle benötigen.

 

Das limbische System

Das limbische System liegt tiefer im Gehirn und und besteht aus einer Gruppierung von Gehirnteilen, die eng zusammenarbeiten. Es dient in erster Linie dem Ausdruck und der Wahrnehmung von Emotionen. Es steuert auch einen Teil des Lerngedächtnisses und des emotionalen Gedächtnisses.

Der Thalamus ist die Schaltstation zwischen limbischem System, Körper und der Großhirnrinde, der sensorische Informationen und emotionale Reaktionen empfängt und deren Verarbeitung reguliert. Er ermöglicht es, sich auf eine Sache nach der anderen zu konzentrieren.

Der Hypothalamus hat viele verschiedene Aufgaben zu erfüllen. Man kann ihn als Hormondrüsenkontrolleur bezeichnen. Er regelt unter anderem Abläufe, die mit Hunger und Durst zu tun haben, und ist für verschiedene homöostatische Funktionen wie Regulierung des Blutdrucks, der Körpertemperatur und des Blutzuckerspiegels zuständig. Auch das Fortpflanzungssystem und das vegetative Nervensystem werden vom Hypothalamus gesteuert. Er steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus, kontrolliert das endokrine System, und reguliert Sympathikus und Parasympathikus.

Der Hypothalamus gehört zur Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, die mit für die homöostatische Steuerung der Körperreaktionen bei Stress und Bedrohung verantwortlich ist. Dann gehört der Hypothalamus auch noch zur negativen Rückkopplungsschleife für den Testosteron-Spiegel. Wenn der Testosteronspiegel sinkt, schüttet der Hypothalamus ein Freisetzungshormon (Gonadotropin-Releasing-Faktor) aus, was die Hirnanhangdrüse dazu anregt, ihrerseits ein Hormon abzugeben, das dann eine erhöhte Testosteronproduktion in den Hoden anregt. Sobald der Testosteronspiegel wieder eine angemessene Höhe erreicht hat, stoppt der Hypothalamus die Freisetzungshormonausschüttung.

Die Amygdala – auch Mandelkern genannt – ist auch dem limbischen System zuzuordnen und wesentlich an der Entstehung von Angst und der Steuerung von Aggression beteiligt. Die Nervenzellen der Amygdala haben überwiegend eine niedrige Reizschwelle, was eine anfallsartige Aktivität zur Folge hat und explosionsartige Aggression auslösen kann. Der Mandelkern setzt Überlebensmechanismen in Gang, beeinflusst bestimmte hormonelle Ausschüttungen und hat großen Einfluss auf das emotionale Lernen.

Der Hippocampus dient der Festigung von Erinnerungen und Gefühlen. Er dient auch als neutrale Basis für die Vermittlung niedriger Angstschwellen und anhaltender Stadien generalisierter Angst.

Der Fornix verbindet Großhirn und Hypothalamus.

 

Der untere Teil des limbischen Systems empfängt Signale von der Amygdala, dem Mandelkern. Diese Reize haben vor allem mit Aggression, Angst und Sexualverhalten zu tun. Ganz in der Nähe befindet sich noch der Hippocampus, der der Amygdala und anderen Systemen auch entgegenwirkt. Der Hippocampus ist für kognitives Beruhigen und Analysieren zuständig, wodurch die Wirkung der von der Amygdala gesteuerten Emotionen vermindert wird. Der Hippocampus vergleicht ständig sensorische Reize mit erlernten Erwartungsmustern. Solange keine Veränderungen des Umfeldes stattfinden oder zu erwarten sind, bleibt der Hippocampus aktiv und unterdrückt die Emotionen, so dass die Großhirnrinde und die Frontlappen für Vernunft und logisches Denken „freie Bahn“ haben. Der Hippocampus kann also Stress mindern und für Entspannung sorgen. Das limbische System ist mit der Großhirnrinde verbunden, was die Beeinflussung der Emotionen durch Logik zulässt und umgekehrt.

 

Limbisches System und Großhirnrinde arbeiten zusammen.

Den Anfang einer Verhaltensreaktion machen von den Sinnesorganen aufgenommene Wahrnehmungen, die als Informationen vom peripheren Nervensystem zum Thalamus geleitet werden. Der Thalamus leitet sie an die hinteren Hirnlappen weiter, wo sie decodiert werden. Dann werden die Informationen mit bestehenden Lernerfahrungen verglichen und an den Frontallappen weitergeleitet, wo das weitere Vorgehen bestimmt wird. Großhirnrinde und limbisches System sind beide am Formen der endgültigen Reaktion beteiligt, wobei sie sich als Gegenspieler beeinflussen. Ist die Großhirnrinde aktiv, wird die Arbeit des limbischen Systems unterdrückt oder gehemmt und umgekehrt.

In der Praxis heißt das, dass die Fähigkeit, abzuwägen, mit kühlem Kopf zu entscheiden und analytisch zu handeln weniger gut oder gar nicht möglich ist, wenn der Hund gerade eine (intensive) emotionale Erfahrung macht, denn die Arbeit der Großhirnrinde, die auch für Impulskontrolle und Reaktionshemmung zuständig ist, wird unterdrückt. Auch die Aggressionsschwelle ist unter Stress herabgesetzt. Umgekehrt sind emotionale Reaktionen unterdrückt, die vom limbischen System initiiert werden, wenn gerade die logischen und kognitiven Bereiche des Gehirns (Großhirnrinde) aktiv sind.

Werden Stressfaktoren wahrgenommen, haben diese besonders stark erregenden Einfluss auf die Amygdala, die unter anderem den Körper auf eine mögliche bevorstehende Reaktion vorbereitet. Es werden große Mengen Noradrenalin und Dopamin ausgeschüttet, die als Neurotransmitter an der Notfallaktivierung beteiligt sind.

Es liegt auf der Hand: Ein Hund, der gerade stark emotional reagiert, bzw. unter starkem Stress steht, kann nicht effektiv lernen. Daher muss das Hauptaugenmerk bei einer Therapie darauf liegen, Reaktionen im relevanten Bereich zu verhindern. Dabei kann das Aufrechterhalten der Konzentration, also das Stimulieren der Großhirnrinde dabei helfen, emotionale Reaktionen (Stressreaktionen) zu verhindern oder abzuschwächen. Bei einer angestrebten Desensibilisierung kann die gesamte Arbeit durch eine im relevanten Bereich auftretende Stressreaktion wieder zu Nichte gemacht werden.

 

Die Homöostase

Mit Homöostase wird die Eigenschaft des Gehirns bezeichnet, die das Bestreben hat, in verschiedenen Situationen ein Gleichgewicht herzustellen. Dazu gehört, dass ein Hungergefühl entsteht, wenn die Nährstoffe zur Neige gehen, dass man schwitzt, wenn erhöhte Temperatur besteht und auch, dass mit Stress auf gewisse Umweltreize reagiert wird. Auch Emotionen unterliegen der Homöostase. Sorgen bestimmte Umweltreize dafür, dass z.B. negative Emotionen entstehen, versucht das Gehirn, diesen Zustand wieder in die positive Richtung zu verschieben, was z.B. über selbstbelohnende Handlungen erfolgen kann.

 

Das endokrine System

Das endokrine System regelt die chemischen Abläufe im Körper, ist für die im Körper zirkulierenden Botenstoffe verantwortlich und arbeitet eng mit dem Nervensystem zusammen. Es besteht aus verschiedenen hormonabsondernden Drüsen, die vom Hypothalamus gesteuert werden. Das endokrine System arbeitet homöostatisch und schüttet Hormone aus, wenn der Spiegel zu niedrig ist bzw. drosselt die Hormonproduktion, wenn zu viele Hormone vorhanden sind. Die Drüsen des endokrinen Systems geben ihre Hormone ins Blut ab, wodurch der ganze Körper mit ihnen beaufschlagt wird. Trotzdem haben die verschiedenen Hormone ihnen zugeiteilte Zielorgane, auf die sie wirken und die sie beeinflussen.

Die Steuerzentrale des endokrinen Systems, der Hypothalamus sendet über das Ausschütten von Freisetzungshormonen Informationen an die Hirnanhangdrüse (Hypophyse), die dann auch bestimmte Hormone freisetzt, welche wiederum die anderen Drüsen beeinflussen und diese Hormone ausschütten lassen.

Die Hypophyse schüttet z.B. Adrenocorticotropin (ACTH) aus, was die Nebennierenrinde im Hinblick auf die Cortisol-Produktion stimuliert. Ein weiteres wichtiges von der Hypophyse ausgeschüttetes Hormon ist das Lutropin (LH). Es stimuliert die Testosteronproduktion in den Hoden bzw regt bei weiblichen Tieren den Eisprung an.

Auch die Bauchspeicheldrüse gehört zum endokrinen System und schüttet das Hormon Insulin ab.

Die Nebenniere besteht aus der Nebennierenrinde und dem Nebennierenmark. Die Nebennierenrinde produziert verschiedene Hormone, die Steroide (z.B. das Adrenalin).

 

 

Emotionen / Gefühle

Stressfaktoren beeinflussen den emotionalen Zustand, erzeugen also bestimmte Gefühle. Umgekehrt ist es aber auch so, dass Gefühle den Stresslevel beeinflussen.

Genauso wird das analytische und logische Denken von emotionalen Prozessen beeinflusst und umgekehrt. Individuen, die z.B. durch Hirnverletzungen Schädigungen erlitten haben, die die emotionale Bewertung von Sinneswahrnehmungen unmöglich machen, zeigen auch Beeinträchtigungen im rationalen und analytischen Denken. Es ist also unabdingbar nötig, Situationen und Reize emotional zu bewerten, um sinnvoll zu reagieren. Fällt die emotionale Beeinflussung der Reaktion allerdings sehr heftig aus, kann auch überreagiert werden.

Gefühle beeinflussen die Arbeit des Sympathikus und des Parasympathikus, was Emotionen hervorruft, die sich dann in Verhalten / Körperlichen Reaktionen spiegeln.

 

Angst

Die Angstreaktion ist im Prinzip eine extreme Stressreaktion, wie sie schon beschrieben wurde. Geist und Körper sind in Alarmbereitschaft und die Notfallmechanismen sind in Gang gesetzt.

 

Wut

Die wutauslösenden Prozesse im Körper ähneln denen der angstauslösenden. Zusätzlich sind hier allerdings noch einige andere Botenstoffe beteiligt.

 

Therapieansätze

 

Die Bestrebung einer Therapie bei Hunden, die unter chronischem Stress leiden, oder übersteigerte Stressreaktionen in akuten Situationen zeigen, sollte immer sein, das Gehirn wieder in ein chemisches Gleichgewicht zu bringen und dieses bis auf sinnvolle Ausnahmen beizubehalten.

 

Ruhe / Erholung

Die erste Überlegung im Zusammenhang mit einem Stressreduktionsprogramm sollte immer die Frage nach genügend Ruhe sein, danach, ob der Hund ausreichende Möglichkeiten dazu hat, sich zu erholen und damit auch sein Stresssystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Der Organismus benötigt Zeit, um das chemische Ungleichgewicht, was eine Stressreaktion hervorgerufen hat, wieder auszubalancieren – eine einzige Nacht ist da unter Umständen nicht ausreichend.

Dies bedeutet zunächst auch, dass der Hund in seinem Problembereich nicht mehr stimuliert werden darf. Ein aggressiver Hund darf in keinster Weise mehr provoziert werden, bei ängstlichen Hunden muss zwingend der angstauslösende Reiz vermieden werden und Hunde, die z.B. Stressreaktionen zeigen, wenn sie allein gelassen werden, dürfen während der Therapie nicht vom Halter verlassen werden. Hunde, die geschlagen wurden und nun Angstreaktionen zeigen, dürfen zunächst nicht taktil manipuliert werden, usw.

 

Beginn der Therapie mit Tagesstruktur und Ruhe

Zusätzliche Sicherheit gewinnt ein unsicherer Hund aus der Vorhersagbarkeit seines Lebens und der damit verbundenen Abläufe. Dazu ist es wichtig, seinen Tag so gut es geht durchzustrukturieren, zeitliche Abläufe einzuhalten, also Rituale zu schaffen, die sich jeden Tag verlässlich wiederholen. Es sollte auch darauf geachtet werden, dass längere Erholungsphasen von nur kurzen Aktivitätsphasen unterbrochen werden und kein ständiger Wechsel zwischen Aktivität und Ruhe stattfindet. Eine Therapie sollte also immer zunächst „nur“ mit dem verlässlichen und sinnvollem Strukturieren des Tages unter Einhaltung langer Ruhephasen beginnen und sonst keine Verhaltensmodifikationen beinhalten. Weitere Schritte dürfen erst dann eingeleitet werden, wenn der Hund über diese Maßnahmen sichtlich entspannter wirkt. Schnellstens ist damit nach ca. 48 Std. zu rechnen, es ist aber auch möglich, dass es mehrere Wochen dauert, bis die Erstmaßnahmen greifen und der Hund grundsätzlich in der Lage ist, sich zu entspannen.

 

Übergang in die Trainingsphase

Ein Übergang in die Trainingsphase setzt vor allem deshalb einen relativ entspannten Hund voraus, weil ein unter starkem oder chronischem Stress stehender Hund nicht oder nur sehr eingeschränkt in der Lage ist, Lernverknüpfungen herzustellen. Die Überleitung in diese Phase muss unbedingt langsam, sanft und einfühlsam gestaltet werden, um den Hund nicht zu überfordern. Wird unter Stress trainiert oder erzeugt das Training Stress, ist es sogar möglich, dass der Hund das Training mit dem Stresszustand negativ verknüpft, was das Training natürlich mehr oder weniger sinnlos macht.

 

Trainingsphase

Zu Beginn der Trainingsphase ist es sinnvoll, den Hund mental zu stimulieren. Dies erreicht man über ein ausschließlich positiv aufgebautes Training. Hunde die schnell übermäßige Stresssymptome zeigen, sollten keiner autoritären Erziehung ausgesetzt sein. Einfühlsames und großzügiges Training hingegen verursacht weniger Stress und wirkt sich positiv auf die generelle Stresstoleranz aus. Es ist also darauf zu achten, dass der Hund während des Trainings immer mit Freude bei der Sache ist, in keinen Konflikt gerät und nicht gemaßregelt wird.

Wichtig ist Stimulierung auf drei Ebenen:

-kognitive Ebene

-Sinnesebene

-Soziale Ebene

Die Kognitive Ebene wird stimuliert, indem das Gehirn gefordert wird. Problemlösungen, Dummyarbeit, oder andere Arten von Teamwork fallen in diese Kategorie. Kommt ein Hund hier zu kurz, vermindert sich seine Gehirntätigkeit, was auch zu verminderter geistiger Leistungsfähigkeit führt. Sehr effektiv ist auch das sogenannte „free shaping“, das „freie Formen“. Dabei werden mit einem vorher konditionierten Clicker oder auch über reine Futterbelohnung Verhaltensweisen positiv verstärkt, die er von sich aus ab und zu oder in bestimmten Situationen zeigt – beispielsweise das Berühren eines Gegenstandes o.ä. Das freie Formen schult das lösungsorientierte Denken in der jeweiligen Situation, was auch bewirkt, dass die generelle Fähigkeit, Problemlösungen zu finden verbessert wird.

Stimulation der Sinnesebene bedeutet, dass ein Hund visuelle, olfaktorische, akustische und taktile Reize erfahren können muss. Er muss also in ausreichender Weise Augen, Nase, und Ohren einsetzen dürfen, was ihm auf zunächst kurzen Spaziergängen gut ermöglicht werden kann. Die kurzen und anfangs auf gleichen Strecken stattfindenden Spaziergänge können dann mit der Zeit verlängert und in andere Regionen verlagert werden.

Der Hund muss gelegentlich angefasst, z.B. gestreichelt, massiert oder geknuddelt werden – je nach dem, was er mag. Gestressten Hunden kann man gut helfen, indem man ihnen viel körperliche Zuwendung zuteil werden lässt – wenn sie dies mögen. Dabei darf und soll auch unbedingt Emotionalität und Empathie, also Einfühlungsvermögen mit im Spiel sein – beruhigende Worte wirken oft Wunder, wenn der, der sie formuliert auch selber in diesem Moment wirklich ruhig und entspannt ist. Solche Maßnahmen setzen das „Wohlfühlhormon“ Oxytocin so wie einige andere schmerzlindernde Endorphine frei und sorgen für die für das Erholen von Stress so wichtigen Faktoren wie Entspannung und Wohlbefinden.

Gerade bei gestressten Hunden, die Körperkontakt mögen hilft eine tägliche Massage, Stress zu reduzieren und das Mensch / Hund-Verhältnis zu stabilisieren und enger zu gestalten. Dies gilt natürlich auch für weniger gestresste Hunde.

 

Mit sozialer Ebene sind Kontakte mit anderen Individuen gemeint. Das müssen Kontakte mit Artgenossen sein, aber auch auf regelmäßige Menschenkontakte sollte geachtet werden. Hunde sind hochsozial und brauchen soziale Kontakte für ihr Wohlbefinden. Dazu gehört auch UNBEDINGT Familienanschluss und damit Gesellschaft, Geborgenheit und Körperkontakte. Positiver Körperkontakt setzt Oxytocin frei, was beruhigt, glücklich macht und Stress vorbeugt.

Die soziale Interaktion und Kommunikation mit den in seiner gemischten sozialen Gruppe lebenden Individuen kann neben dem größten und wichtigsten Sicherheitsfaktor auch der größte Stressfaktor sein. Gerade bei übermäßig stressbeladenen Hunden ist es wichtig, mit ihnen ruhig, souverän, sicher, freundlich, liebevoll, aber auch konsequent umzugehen. In jedem Fall sollte es verhindert werden, den Hund aversiv zu behandeln, er darf also weder angeschrien, noch aggressiv angegangen oder gar geschlagen werden. Auch ständiges Kommandieren, Kontrollieren und gängeln ist weder eine Basis für die therapeutische Arbeit mit einem traumatisierten oder gestressten Hund, noch überhaupt eine Grundlage, auf der Hunden begegnet werden sollte. Unsichere Hunde werden sicherer, wenn auch im Umgang mit ihnen Vorhersehbarkeit vorhanden ist. Es dürfen natürlich Regeln aufgestellt werden. Dann sollte aber auch gelten: Was verboten ist, ist IMMER verboten, was erlaubt ist, ist IMMER erlaubt. Das Durchsetzen eventueller Verbote darf aber nicht mit viel Strenge oder Strafe erfolgen, sondern muss mit ruhiger und souveräner, aber beharrlicher Konsequenz angegangen werden. Dann das Anbieten von Alternativverhalten und das Loben nicht vergessen, so dass die Situation immer positiv beendet wird.

 

Hält man mehr als einen Hund, ist es wichtig, dass die Hunde sich mögen. Gibt es zwischen zwei zwangsvergesellschafteten Hunden nicht aus der Welt zu schaffende Spannungen, ist definitiv für alle Beteiligten ein großer Stressfaktor gegeben. In einem solchen Fall kann es nur einen Ansatz geben, nämlich einen der Hunde – vornehmlich den jüngeren / später dazugekommenen abzugeben. Sollten solche Probleme plötzlich bei Hunden auftreten, die sonst immer gut zusammen ausgekommen sind, ist ein Krankheitssymptom wie Schmerz oder eine Einschränkung eines oder mehrerer Sinne sehr wahrscheinlich. Dann muss eine tierärztliche Untersuchung des Hundes, der plötzlich aggressive Tendenzen zeigt, Klarheit bringen.

 

Noch hinzuzufügen ist, dass ein Geborgenheitsgefühl nicht nur aus dem Fehlen von Angst resultiert, sondern dass ein solches Gefühl durch das Steigern von Freude und Ruhe positiv beeinflusst wird. Ein Individuum, das viele Stimulationen erlebt, die es mit Freude in Verbindung bringt, kann also die eine oder andere angstgeladene Situation überstehen, ohne sein basisches Geborgenheitsgefühl zu verlieren und in Dauerstress zu verfallen. Bei einem Individuum, das im Bezug auf positiv empfundene Reize eher reizarm lebt, können schon kleine Angstreaktionen massiven Langzeitstress auslösen.

Zu Überreizung neigende Tiere sollten nur noch sehr dosiert körperliche Höchstleistungen vollbringen dürfen – evtl auch eine Zeit lang gar keine. Es gibt immer noch den über allem schwebenden Gedanken der „Auslastung“. Dazu ist zu sagen, dass ein Hund zwar ausgelastet sein muss, dies aber – einige Vertreter bestimmter leistungsorientiert gezüchteter Rassen ausgenommen – mit täglichem Spazierengehen durchaus geschieht. Etwas Training und ein paar Suchspiele eingeflochten, vielleicht noch ein paar Dummyübungen reichen für den „normalen“ Familienhund in Verbindung mit Freilauf und „Hund sein dürfen“, was dann natürlich ohne Leine stattfinden sollte (oder im kontrollierten Freilauf an einer langen Schleppleine) völlig aus.

Dazu kann auch vorausschauend gearbeitet werden. Im Sommer, wo es eigentlich noch nicht notwendig ist, kann schon langsam damit begonnen werden, die Pfoten abzuputzen, oder auch ein Fußbad zu nehmen, damit dies im Winter nicht zum Problem wird, wenn Streusalz oder Schmutz entfernt werden muss. Mit schnell gestressten Hunden muss man auch nicht jeden Tag eine andere Strecke laufen. Um auf dem Spaziergang so wenig Stressfaktoren wie möglich zu realisieren, ist es durchaus sinnvoll, immer wieder die gleiche bekannte Strecke zu laufen. Ein solch organisiertes Leben wäre für einen ausgeglichenen Hund sicherlich nicht sinnvoll, denn er würde sich unter Umständen „zu Tode“ langweilen. Für einen unsicheren, stressanfälligen Hund aber kann es ein Gefühl der Kontrolle, der Routine, der Vorhersagbarkeit und somit der Sicherheit hervorrufen.

 

Bewegung

Stress bereitet den Körper auf Höchstleistungen vor indem er viel gespeicherte Energie freisetzt. Diese Energie ist dann abrufbar und sollten auch abgerufen werden, denn der gestiegene Blutzuckerspiegel muss sich abbauen.

Spezielle Formen der Bewegung verbrauchen diese Energie, können Stress abbauen und eine stressreduzierende Therapie positiv beeinflussen. Dies ist bei lang andauernden aber gemäßigten Bewegungsmustern der Fall. Solche Bewegungsformen regen das Ausschütten bestimmter Hormone an, die für eine positive Stimmungsveränderung verantwortlich sind. Besonders wichtig ist hier, dass bei Stimulation des Organismus durch Ausdauerbewegung vermehrt Serotonin produziert und ausgeschüttet wird, was ähnlich wirkt, wie die Gabe von angstlindernden Medikamenten. Bestimmte Endorphine, die auch als Glücksbotenstoffe bekannt sind, werden unter Ausdauerbewegung vermehrt ausgeschüttet, und verhelfen dem Hund zu positivem bis euphorischem Empfinden. Ein entsprechendes Bewegungstraining hilft also, einen Zustand ausgeglichener Entspannung zu erlangen. Zu empfehlen ist eine Kombination aus Gehen, leichtem Traben, evtl. kleinen Turnübungen wie über einen Baum laufen und eingestreuten einfachen Aufgaben oder Kommandoausführungen, die den Kopf auch etwas anstrengen.

Entscheidet man sich für ein Ausdauerprogramm, muss dies der Leistungsfähigkeit des Hundes entsprechend langsam aufgebaut werden, denn ein überstrapazierendes Programm hätte einen gegenteiligen Effekt und würde den Hund stressen. Das Alter, die Rasse und der individuelle Bewegungsdrang müssen genauso berücksichtigt werden, wie evt. Vorhandene körperliche Einschränkungen wie z.B. Gelenkschädigungen.

Zu vermeiden sind plötzliche, impulsive Bewegungen explosiver Natur, denn solche können sich in Sachen Stress negativ bemerkbar machen.

 

 

Geistige Forderung als Management

Geistige Forderung ist in der Stresstherapie sehr wichtig. Dabei darf aber nur so gearbeitet werden, dass der Hund keine Fehler machen KANN und positiv gestimmt ist. Nichts darf erzwungen werden. Geistige Forderung verbraucht Energie, stärkt das Selbstbewusstsein des Hundes und macht ihn sicherer, denn er bekommt das Gefühl, die Dinge unter Kontrolle zu haben, lernt, dass Situationen einschätzbar sind und wird so in Zukunft auch mit neuen Situationen besser zurecht kommen.

Eine besondere Bedeutung erhält die geistige Forderung, das Stimulieren kognitiver Denkprozesse im Stressmanagement. Schafft man es, stressrelevante Situationen vorherzusehen, und in die konzentrierte Arbeit zu gehen, bevor eine emotionale (Stress-) Reaktion stattfindet, hat man gute Chancen die Stressreaktion zu verhindern. Das liegt daran, dass der Gehirnteil der für die Emotionen, und der Teil, der für konzentriertes Arbeiten, logische Denkvorgänge und kognitives Denken zuständig ist untereinander vernetzt sind und sich gegenseitig beeinflussen. Ist der eine Teil aktiv, hemmt er den anderen und umgekehrt. Das konzentrierte Arbeiten hilft dem Hund also, eine mögliche emotionale Reaktion zu verhindern und gleichzeitig zu erfahren, dass die Situation auch dann ohne Schaden zu nehmen vorübergeht, wenn keine Stressreaktion gezeigt wird. Über diesen Effekt werden solche Situationen nach und nach als nicht gefährlich eingestuft und auch so abgespeichert.

Um aber den Zustand konzentrierter Arbeit in potentiellen Stresssituationen aufrecht erhalten zu können ist einiges an Vorarbeit nötig. Hier ist die Arbeit mit dem Hund über viel positive Bestätigung gemeint. Diese Arbeit lastet ihn mental aus, und wenn sie richtig ausgeführt wird, macht sie Hund und Mensch gleichermaßen viel Spaß. Der Schwierigkeitsgrad kann beliebig gesteigert werden – ja nach Anspruch und geistiger Konstitution des Hunds, das Minimum aber sollte ein gut konditionierter Grundgehorsam sein und die Fähigkeit des Hundes, sich auf den Halter zu konzentrieren. Dabei gelten die Regeln der Lerntheorie.

Verhalten, dass dann besonders sicher auch unter verschiedenen Ablenkungsstufen über positive Bestätigung gelernt wurde, kann im Angesicht einer potentiell stressigen Situation vom Halter abgerufen werden, was geschehen muss, BEVOR der Hund in die emotionale Gehirntätigkeit „abrutscht“. So bringt man ihn dazu, die Gehirnregionen zu aktivieren, die für Konzentration und kognitive Denkprozesse zuständig sind, was die emotionalen Bereiche hemmt. Je mehr Routine im Training aufgebaut wurde, desto sicherer ist gewährleistet, dass der Hund auch unter größter Ablenkung im „Arbeitsmodus“ bleibt und eine für ihn eigentlich stressige Situation in diesem Modus durchläuft. Schafft der Halter es wiederholt seinem Hund in ähnlichen Situationen eine solche Leistung abzuverlangen, besteht eine große Chance, dass die Situation vom Hund als nicht stressrelevant abgespeichert wird.

 

Unterstützende medikamentöse Behandlung

Unter Absprache mit einem guten Ernährungsberater, Heilpraktiker oder Tierarzt kann eine unterstützende medikamentöse Behandlung oder Ernährungsumstellung sinnvoll sein. In schwierigen Fällen, wenn der Hund dauerhaft in Geisteszuständen gefangen ist, die verhaltensmodifizierende Eingriffe unmöglich machen, ist eine zusätzliche Behandlung mit dem jeweiligen Problem angepassten Substanzen unumgänglich.

 

Was tun bei traumatisierten Hunden?

Direkt nach traumatischen Erlebnissen ist Zeit der wichtigste Faktor. Die zeitnahe Behandlung eines Traumas vereinfacht die Beeinflussung der Folgen stark und hat eine große Aussicht auf Erfolg. Auch die Folgen länger zurückliegender Schocks mit traumatischem Charakter können natürlich behandelt und geheilt werden, dies ist dann aber aufwändiger und schwieriger.

Innerhalb von 24 Std. sollte ein Beruhigungsmittel gegeben werden. Dies kann auf pflanzlicher oder homöopathischer Basis, oder auch ein klassisches Arzneimittel sein. Zusätzlich ist es sinnvoll einenB-50- Vitaminkomplex zu geben und die Behandlung mit der Verabreichung von Pheromonen (Beruhigungshormon der Mutterhündin) zu ergänzen. Nach ca. einer Woche sollte eine Beruhigung eingetreten sein – wenn nicht ist das Kontaktieren eines Fachmanns anzuraten. Tritt innerhalb der ersten Woche eine Besserung ein, muss die Behandlung dennoch drei bis vier Wochen unter langsamer Verringerung der Medikamentendosis weitergeführt werden. Vitamin B kann noch 4-5 Monate weitergegeben werden, allerdings nur noch in geringer Dosis.

Bei lang anhaltendem Stress (z.B. nach einem Schock) benötigt ein Hund aufgrund der vom Körper über eine erhöhte Konzentration von Stresshormonen aufrechterhaltenen erhöhten Leistungsfähigkeit mehr Nährstoffe, als „normal“. Es sollte also auf qualitativ und quantitativ ausreichende Nahrungszuführung geachtet werden. Präparate, die die Serotoninbildung unterstützen machen sich auch positiv bemerkbar. Serotonin wird aus der Aminosäure Tryptophan gebildet. Da Putenfleisch, brauner Reis, Bananen, Spinat, und Kürbiskerne viel Tryptophan enthalten, kann das Füttern dieser Nahrungsmittel Vorteile für die Behandlung bringen. Die Aminosäure Tyrosin ist unter anderem die Vorstufe von Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin. Tyrosin konkurriert mit Tryptophan um das Eindringen in die Nervenzellen und kann so die Bildung von Serotonin hemmen. Da Getreide viel Tyrosin enthält, macht es Sinn darauf zu achten, dass das Futter Getreidefrei ist. Auch Eiweiß ist sehr Tyrosinhaltig, was es erforderlich machen kann, Fleisch wenigstens zum Teil durch Kohlenhydrate zu ersetzen. Unterstützend zum Training kann zwei Monate lang ein Baldrianpräparat gegeben werden (Tierarzt fragen).

Generell ist davon auszugehen, dass eine posttraumatische Behandlung 5-6 Monate dauert, in schweren Fällen bis zu einem Jahr. Eine Änderung der Ernährung so wie die Gabe von Vitaminen und Medikamenten ist unterstützend zum Training sinnvoll, ersetzt dies jedoch nicht. Während der ganzen Behandlungszeit muss auch mit dem Hund entsprechend „gearbeitet“ werden.

In eine posttraumatische Behandlung sollte immer ein Tierarzt oder Heilpraktiker involviert werden.

 

Über den Sinn von Kastration bei Stresssymptomen

Eine Kastration ist nur dann sinnvoll, wenn ein Rüde rein sexuell übermotiviert ist, sprich ständig bei anderen Hunden oder Menschen aufreitet und Hündinnen für ihn in der Weise anziehend wirken, als dass sie nur noch Lustobjekte sind. Bei Aggressionsproblemen hilft eine Kastration nur in sehr wenigen Fällen. In den Hoden wird ca. 90% des im Körper vorhandenen Testosterons gebildet, die verbleibenden 10% kommen aus den Nebennieren. Es ist also nicht so, dass das Testosteron bei einer Kastration völlig verschwindet. Es gibt sogar Hypothesen, die besagen, dass die Testosteronproduktion in den Nebennieren zunimmt, wenn die Hoden entfernt werden. Auch die restlichen 10% haben eine nicht zu vernachlässigende Wirkung.

Weitere Nachteile sind die des oft extrem gesteigerten Appetits, das Zunehmen des Risikos von Schilddrüsenproblemen im Alter und nicht zuletzt soziale Probleme dergestalt, dass andere Hunde keine eindeutige Geschlechtszuordnung mehr vornehmen können.

Bevor man sich nach reiflicher Überlegung dazu entschließt, den Hund kastrieren zu lassen, sollte man vom Tierarzt einen sogenannten „Kastrationschip“ setzen lassen. Dieser wirkt wie eine Katration, ist aber nicht endgültig, da er nur eine bestimmte Zeit funktioniert. Ein solcher Chip wird unter die Haut gebracht und gibt über einen begrenzten Zeitraum eine Substanz ab, die den Einfluss der Hirnanhangdrüse auf die Hoden reguliert. So wird weniger Testosteron freigesetzt.

 

Prävention bei gesunden Hunden

Hunde sind besonders dann stark gestresst, wenn die Stressreaktion, die zwangsläufig in ihrem Körper abläuft kein lösendes Ergebnis bringt. Passiert dies häufiger, wird also das Stresssystem häufiger überlastet, beginnt der Hund zu lernen, dass es in den für ihn relevanten Situationen keine Möglichkeit gibt, eine Besserung herbeizuführen. Dies kann so weit gehen, dass eine sogenannte erlernte Hilflosigkeit entsteht, die von einer Art passiver Resignation geprägt ist. Solche Hunde sind dann passiv, unterwürfig, ausweichend, kontaktarm, spielen nicht mehr, ihr Immunsystem ist geschwächt und sie werden dann häufig auch körperlich krank.

Daraus leitet sich aber eine Vorgehensweise ab, die bei gesunden Hunden dazu führt, dass sie ein gutes, belastbares Stresssystem ausbilden und die bei dauergestressten Hunden eine merkliche Verbesserung des Gesamtzustandes mit sich bringt. Sie besteht darin, den Hund schwachen, für ihn zu bewältigenden Stresssituationen auszusetzen, aus deren Bewältigung er lernt, dass Stress nichts schlimmes ist und auch der emotionalen Verbesserung von Situationen dient. Er lernt dadurch, Situationen unter Kontrolle zu haben, was das Selbstbewusstsein stärkt und die Reaktionen bei folgenden Stressreizen geringer ausfallen lässt. Dazu gehört auch, zu erkennen, wann der Hund unter starkem Stress leidet, Stresssymptome zeigt, und ihm dann ein Stressabbauendes Alternativverhalten anzubieten, über das er in der Lage ist, Stress abzubauen, was aber gleichzeitig überall angewandt werden kann und „gesellschaftsfähig“ ist. Fängt ein Hund z.B. an zu Buddeln, um Stress abzubauen, ist das kein Verhalten, was er immer und überall praktizieren kann – in der Wohnung buddelt es sich genauso schlecht, wie auf Asphalt. Auch das Buddeln im Garten ist nicht jedermanns Sache. Hier wäre es ein Ansatz, dem Hund einen Gegenstand anzubieten, auf den er beißen kann, auf dem er herumkauen kann, denn auch das Kauen ist stressabbauend. Schafft man es, dem Hund einen solchen „Schnuller“ „schmackhaft“ zu machen, lernt er also, dass die Kaustrategie Erfolg und Spannungsabbau bringt, wird diese Strategie in Zukunft öfter zum Stressabbau genutzt werden, wenn ein Kaugegenstand zur Verfügung steht. Es empfiehlt sich, immer den gleichen Gegenstand zu benutzen, und diesen immer dabei zu haben, wenn man mit dem Hund unterwegs ist. Auch über einen solchen „Schnuller“ kann ein Hund also lernen, ihn stressende Situationen unter Kontrolle zu halten, was ihm Sicherheit gibt, und ihm die Möglichkeit eröffnet, solche Situationen nach mehrmaligem Durchleben als nicht bedrohlich abzuspeichern.

 (c) Lennart Peters, www.miteinanderlernen.de

News zu dieser Seite:

 

 

Was passiert gerade "hinter den Kulissen "...?

 

Nach langer "Abstinenz" vom Pflegen meiner Seite werde ich nun wider vermehrt Ergänzungen vornehmen. Es wird eine Rubrik "Jagdverhalten" unter "Glücklich mit dem Hund" geben - vielleicht interessiert es den Einen oder Anderen. :-)

 

 

Zuletzt geändert / ergänzt:





02.02.2016

-Neue Rubrik "Jagdverhalten" unter "Glücklich mit dem Hund" erstellt.

-Ergänzungen in der Rubrik "Kurz und Knapp".



26.12.2013

Endlich ist es soweit.

Der Text für die Rubrik "Stress" ist fertig.

Ab heute gibt es unter "Glücklich mit dem Hund"

Den Button "Hunde und Stress".

Ihr findet hier eine Abhandlung der wichtigsten

neurophysiologischen Grundlagen für die

Entstehung von Stress, so wie allgemeine

Erklärungen und Therapieansätze.

Viel Spass dabei. 

 

 

18.10.2013:

-Es gibt ein paar neue Fotos in der Galerie.

 

12.10.2013:

-Neue Rubrik "Downloads" erstellt

-Download "Bindung-Beziehung-Führung" eingestellt

 

11.10.2013:

-Fazit in Rubrik "Führung" eingefügt

 

09.10.2013:

-Fazit in Rubrik "Beziehung" eingefügt

 

08.10.2013:

-Fazit in Rubrik "Bindung" eingefügt.

-Fazit in Rubrik "Wieviel Wolf steckt im Hund" eingefügt.

 

04.10.2013:

-Ergänzungen zum Thema "Führung": Das Abbruchsignal 

-"Führung" abgeschlossen.

 

27.09.2013

-Ergänzungen zum Thema "Führung".

 

 

26.09.2013:

-Ergänzungen zum Thema "Führung".

-Fotogalerie ergänzt.

 

24.09.2013:

-Erste Ausführungen zum Thema Führung hochgeladen (Unter "Beziehung" > "Führung" )

 

15.09.2013:

-Neue Fotos in die Galerie eingestellt.

 

13.09.2013:

-Ergänzungen in der Rubrik "Bindung".

 

 

11.09.2013:

-Hinzufügen der Fotorubrik "Galerie".

-Ergänzung und Umstrukturierung der Rubrik "Bindung" 

 

 

28.08.2013:

-Ergänzung in der Rubrik "Bindung" (Wie entsteht Bindungsfähigkeit) 

 

 

26.08.2013:

-Weiterführung von: "Wieviel Wolf steckt im Hund"

 

 

25.08.2013:

-Neuer Bereich unter "Glücklich mit dem Hund" : "Wieviel Wolf steckt im Hund".

 

 

04.08.2013:

-B.A.R.F.-Rechner für erwachsene Hunde leicht verändert

-Rubrik "B.A.R.F. für Welpen und Junghunde" mit Inhalt gefüllt.

-Hochladen von 2 neuen B.A.R.F.-Rechnern für Welpen und Junghunde

(Einer mit vier und einer mit 3 Mahlzeiten täglich.

 

29.07.2013:

-Überarbeitung von "B.A.R.F."

-Hinzufügen einer Obst- und Gemüsetabelle.

-Ergänzung von "Kurz und knapp".

 

 

28.07.2013:

-Hinzufügen von "B.A.R.F." und einem Barfrechner als Download.

 

 

27.07.2013:

-Hinzufügen von "Apportierarbeit" unter "Arbeit / Teamwork".

 

 

21.07.2013:

-Umstrukturierung der Navigation.

-Hinzufügen von "Arbeit / Teamwork" unter "Glücklich mit dem Hund".

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